Das Weibchen und der Nachwuchs
von: Désirée Seuret am: Freitag, 01.07.2011
Nicht jede Frau weiss mit Babys umzugehen. Nicht jede Mutter versteht das.

Das Motto der Kinderlosen: Augen zu und durch!
Ein angebliches Naturgesetz: Das Weibchen ist für die Nachwuchsaufzucht da. Die Frau hat einen natürlichen Mutterinstinkt, und der Umgang mit Babys ist ihr angeboren. Irrtum! Es gibt Frauen, wie ich, die fühlen sich mit Bébés total überfordert. Nur weil ich Kinder kriegen kann, muss ich noch lange nicht wissen, was ich mit ihnen anstellen soll. Als (Noch-)Nicht-Mutter schäme ich mich nicht dafür. Denn ich bin überzeugt, gewisse Instinkte weckt erst das eigene Kind. Aber Frauen, die bereits im Mutterglück schwelgen, scheinen das anders zu sehen...
Im Zug von Zürich nach München sitzt mir eine junge Mutter mit ihrem halbjährigen Sohn gegenüber. Ihre Augenringe verraten, dass der Junge seine Stimmbänder mit nächtlichen Schreiproben intensiv trainiert. Dann kommt, was auf einer längeren Zugfahrt halt vorkommt: Mama muss mal. «Können Sie ihn eben nehmen?!» Bevor ich Luft holen kann – ähm, lieber nicht! –, halte ich den Kleinen in meinen Armen. Mama hat den Wagen so schnell Richtung WC verlassen, als könne sie es nicht erwarten, ihren Sprössling loszuwerden. Und jetzt?
Ich weiss, dass man Babys nicht am Kopf drücken soll, da befinde sich so etwas wie ein «Selbstzerstörungsknopf» – die offene Schädeldecke, nur mit feiner Haut überzogen. Aber hier endet mein Baby-Latein bereits. Vielleicht in die «Wiegeposition»? Den linken Ellbogen unter das Köpfchen schieben und mit dem rechten Arm verhindern, dass der Kleine runterfällt. Hm, das scheint dem Herrn nicht zu passen. Er kneift die Augen zusammen und um seinen Mund beginnt es bedrohlich zu zucken. Nein, nicht los schreien – Bitte! Innerlich flehe ich den Kleinen an. Doch dann reisst er sein Maulwerk auf und beginnt zu plärren. Positionswechsel. Aber weder «Hoppe-Hoppe-Reiter» noch Plüschrassel können Monsieur Schreihals beruhigen. Wieso kann man Babys nicht ausschalten?
Endlich naht die Retterin. Einmal Köpfchen Richtung Schulter halten, Rücken tätscheln, mit Plüsch-Winnie-the-Pooh wedeln und der Sohnemann strahlt, als könne ihn kein Wässerchen trüben. Super, eine kurze Instruktion hätte wohl gereicht, damit der ganze Zweite-Klasse-Wagen nicht in den Genuss eines Schreikonzerts erster Güte gekommen wäre.
Liebe Mütter, habt Erbarmen mit uns Kinderlosen! Nur weil wir Frauen sind, kann nicht jede mit einem Kind umgehen. Fragen Sie uns zuerst, bevor Sie uns Ihren Nachwuchs in die Hände drücken, und warten Sie auch bitte schön die Antwort ab. Danke fürs Verständnis.
Autorin
Désirée Seuret arbeitet zurzeit als Praktikantin bei wir eltern. Sie studiert Journalismus und Organisationskommunikation an der ZHAW in Winterthur und ist kinderlos – wenn man «das Kind in der Frau» nicht beachtet.
Hätte Sie das Kind mit aufs Klo nehmen sollen? Sie brauchte jemand und hatte keine Wahl! Solange das Kind nicht auf den Boden fällt, ist ja gut, auch wenn es halt anfängt zu schreien. Haben Sie wirklich noch nie ein Baby gehalten? So klein war es ja auch nicht mehr. Nein ich habe kein Verständnis für Ihre Zimperlichkeit. Gopf, wie kann man aus dieser Minute eine solche Staatsaktion machen!
@alam: Im Ernst? Finden Sie es normal, dass man sein Baby einfach einer wildfremden Person überlässt? Abgesehen davon, dass ich ja nicht weiss, ob diese Frau mit meinem Kind einfach das Weite sucht. Aber auch sonst würde ich nie jemandem Wildfremden mein Kind in den Arm drücken, ausser dieser Jemand bietet sich an. Und ja, sie hätte das Kind halt mitnehmen sollen, wie oft habe ich schon mit meinem Baby auf dem Schoss gepinktelt, machnmal ging es halt nicht anders. Nicht jeder ist begeistert, irgendwelche Babies zu halten und zu hüten. Und weil viele Mütter das nicht begreifen, machen sie sich bei Kinderlosen eben so unbeliebt!
Es war der Zug von Zürich nach München! Ich nehme schon schwer an, dass man vorher miteinander geredet hat, vielleicht auch schon erzählt hat, dass man ein Praktikum bei wireltern macht.
Begeistert müssen die Kinderlosen über Mütter mit ihren Kindern nicht sein. Aber ein Minimum an Hilfsbereitschaft würde ich doch erwarten.
Oder muss ich und mein Kind unsichtbar sein? Diese Tendenz nervt mich gewaltig. Bei mir machen sich auch viele unbeliebt. Was solls?
"Instruktionen" für den Umgang mit Babys gibt es nicht, deshalb haben sie auch keine bekommen.
hahaha.. musste herzlich lachen bei dem Artikel. Ich denke, dass die Frau nicht wirklich überlegt hat und sie halt gerade gegenüber so freundlich gewirkt haben. Ich hätte auch ganz sicher mein Bedürfnis verklemmt (Züge sind ja sowieso nicht so toll punkto WC). Und sonst ganz einfach mein Kind mitgenommen. Unbequem aber sicherer...
Verstehe aber hier auch beide Seiten!Interessanter Artikel!
Ich bin mit meiner Tochter viel im Zug unterwegs alleine.
Nur zu gut kenne ich es,dass mann als (Mensch) mal aufs WC muss,auch im Zug.
Bisher habe ich immer gute Erfahrungen gemacht,meine Tochter für einen kurzen Moment in Fremde Hände zu geben.
In Schmalspurbahnen wie z.B in der MGB sind die WC schmal und eng.Da kann mann sich mit einen Baby/Kind nicht mehr Bewegen.
Ich kann mir sehr gut vorstellen,dass in grossen Zügen wie SBB,DB usw.weniger freundliche,geduldigere Menschen fahren.In diesem Falle,spreche ich den Kontroleur an,ob er kurz Zeit hat.
hm, hat die schreiberin auf der fahrt keine sekunde beobachtet, wie die mutter das kind hält? verharrte der blick nur auf den augenringen der mutter?
Vielleicht sollten Sie einfach kinderlos bleiben, wenn solche Kleinigkeiten Sie schon vom Hocker werfen.
Wenn's WC-mässig pressiert, dann lodert die Hölle, keine Zeit für langfädige Instruktionen. Zudem vermute ich, dass Sie als Typ genau die richtige freundliche Aura ausstrahlen: Ich-würde-wenn-ich-könnte-aber...
Damit haben Sie schon verloren, wenn's brennt, dann gilt kein zögerliches Aber. Deshalb kommen Sie so schnell zum Kind wie die Jungfrau zu ebendiesem. Und: Sie haben das ja auch prima geschaukelt.
Übrigens: Nach Ihrem Outing hier im Blog geht's erst richtig los und Ihre Dienste werden unterwegs in Zukunft mit Sicherheit noch vermehrt in Anspruch genommen werden. Kind, Hund, Oma, Katze, Überseekoffer – würde ich Ihnen alles anvertrauen. Sie wissen sich zu helfen und schaffen das.
Mir ging's und geht's wie Désirée. In meine eigenen Kinder bin ich aber restlos vernarrt und hätte sie nie jemandem Fremden in die Arme gedrückt. Ich hätte das eine Zumutung gefunden - für das Kind und die andere Person.
Ich finde es eher eine Zumutung für das Baby, es auf das versiffte Zug-WC mitzunehmen! Ich schaffe es nämlich nicht, mein Geschäft zu erledigen, ein Baby zu halten und dabei nichts zu berühren, was nicht berührt werden sollte.
Ich bin erstaunt, über Ihre Interpretationen der Geschehnisse. Die Frau beeilt sich aufs Klo - sie will ihren kleinen Sohn baldmöglichst loswerden? Ich denke eher, dass sich da das Geschäft plötzlich sehr dringend gemeldet hat!
Ansonsten schliesse ich mich alam an, beobachten Sie doch einfach mal ein Baby. Übrigens stirbt ein Baby auch nicht, wenn es unbequem gehalten wird und deshalb weint. Höchstens Ihr Ego nimmt ein wenig Schaden.
Ich schliesse mich der Meinung von alam und Laura an. Wie kann man nur so ignorant sein? Die Mutter musste dringend auf die Toillette nachdem sie es sich wahrscheinlich schon stundenlang verklemmt hat weil sie eben ihr Kind nicht einer fremden Person anvertrauen wollte und da macht man so ein Theater daraus. Das ist einfach nur arm und asozial.
Und wer schon einmal in einem Zug aufs WC musste, weiss, dass man unter KEINEN Umständen ein Baby mit dahin nehmen will.
Nur keine Panik, Frau Seuret :)! Statt sich solche Sorgen zu machen, seien Sie doch etwas Stolz, dass gerade Sie das Kind in den Armen halten konnten ;). Nein, im Ernst: das Kind für einen kurzen Moment Ihnen in die Arme zu drücken, war wohl das kleinere Übel als das Kleinkind mit auf die enge und schmuddelige Zugs-Toilette zu schleppen. Mir als Mutter geht es jedenfalls so. Und nur weil Mütter rasch ohne Nachwuchs aufs fremde WC wollen, heisst dies noch lange nicht, dass diese Mütter ihre Kinder wie Wanderpokale rumreichen. Aber eben, man kanns nicht allen recht machen ;). Und wer weiss: vielleicht sind auch Sie mal Mutter und in gewissen Situationen froh und dankbar umm ein paar fremde helfende/rettende Hände ;).