Vorsätze 2012: Weniger Komplexe.

Der Rabenmutter-Komplex

von: Nicole Althaus am: Donnerstag, 05.01.2012

Warum nur quält berufstätige Mütter ständig ein schlechtes Gewissen? Neue Antworten auf ein altbekanntes Gefühl.

Zwischen Blackberry und Baby gedeiht das schlechte Gewissen

Mütter können nicht gewinnen. Noch nicht mal, wenn Sie Queen Elisabeth heissen. In England wird gerade darüber debattiert, ob Prinz Andrew von Mama nicht zu sehr auf Händen getragen worden ist. Sein Papa hatte – wie die allermeisten Papas – offenbar auf die Entwicklung des Nachwuchses null Einfluss. Ein vernichtendes Urteil. Für die Mütter. Für einmal traut man dem schwachen Geschlecht nämlich eine radikales Durchsetzungs- und Machtpotenzial zu. Wenn auch nur im häuslichen Bereich. Gerade in dem Bereich notabene, den die Mütter in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr verlassen haben. 

Ein Paradox, das zum globalisierten Phänomen des Rabenmutter-Komplexes geführt hat. Noch nie gingen die Vorstellungen darüber, wie eine gute Mutter zu sein hat so weit auseinander. Noch nie haben Mütter sich dabei schlechter gefühlt: 425′000 Treffer bekommt, wer bei Google «Mutter und schlechtes Gewissen» eingibt. 1,5 Millionen Treffer, wer dasselbe in Englisch eintippt. Mittlerweilen gibt es Mütter, die als Autorinnen oder Bloggerinnen das schlechte Gewissen vor sich her tragen wie ein besonderes Talent. Sie machen Karriere, bloss weil sie öffentlich gestehen, Rabenmütter zu sein und ihre Kinder gelegentlich vor dem TV zu parkieren.

Die I-Phonisierung der Mutter-Seele
Es wird also Zeit, dass sich mal jemand ernsthaft mit dem Rabenmutter-Komplex beschäftigt. Soziologen der University of Toronto haben das getan und zwar indem sie die Gefühlslage von Müttern und Vätern in Situationen untersuchten, in der sich die Grenzen zwischen Beruf und Familie verwischen: Die Befragung von 1800 Berufstätigen ergab, dass Mütter sich umso schlechter fühlten, je mehr arbeitsbezogene Mails und Anrufe sie an ihrem Familientag bekam. Auf die Emotionen der Väter hingegen hatte der elektronische Übergriff des Büros keinen Einfluss. Die Studie, die im «Journal of Health und Social Behavior» publiziert wurde, untersuchte darauf, ob die emotionale Destabilisierung der Mütter mit einer Überforderung zu tun hatte, konnte aber nichts dergleichen finden. Im Gegenteil zeigten sich die Mütter als mindestens so effizient und erfolgreich im Jonglieren der beiden Spähren wie die Väter. Nur das die Heim-Zirkusnummer ihnen nicht einen inneren Applaus sondern ein schlechtes Gewissen bescherte.

Show und Zugabe
Zum ersten Mal haben Wissenschafter damit ein vermeintlich individuelles Ungenügen mit soziologischer Evidenz versehen und klar verortet: Das «schlechte Gewissen» steht in Relation zum Gebot der permanenten Verfügbarkeit. Dieses quält Mütter nicht, weil sie arbeiten gehen, sondern weil die Arbeit immer stärker ins Familien- und Privatleben übergreift. Oder um es in den Worten der Soziologin Mary Blair-Loy zu sagen: «Anders als Väter erwarten Mütter nicht nur im Büro klar formulierte Erwartungen, sondern auch zu Hause. Solche kulturellen Anforderungsprofile lassen sich so schnell nicht ändern.» Was Väter zu Hause tun, ist eine Zugabe. Was Mütter zu Hause tun, ist bloss die ganz normale Show. Eine Zugabe ist immer toll, egal, wie bescheiden sie ausfällt. Von einer Show kann man das nicht behaupten. Oder haben Sie schon mal gehört, dass das Publikum eine ganze Show lang im Takt mitklatscht, so wie jeweils bei der Zugabe?

Kommentare

von: nelly am: Montag, 11.04.2011

Wer klatscht denn während der Zugabe? Die Mütter, die die den Rest der Show schmeissen. O.k. und die Schwiegermütter auch noch, aber wir Mütter sind ja selber die, die sooo dankbar sind, wenn die Väter einmal Hand anlegen... Also, Mütter, hört auf zu klatschen und macht aus der One-Woman-Show ein Duett!

von: rabenmutter am: Montag, 11.04.2011

"Mittlerweilen gibt es Mütter, die als Autorinnen oder Bloggerinnen das schlechte Gewissen vor sich her tragen wie ein besonderes Talent. Sie machen Karriere, bloss weil sie öffentlich gestehen, Rabenmütter zu sein und ihre Kinder gelegentlich vor dem TV zu parkieren."

Stimmt! http://rabenmuetter.blogspot.com/p/das-buch.html

von: Skydiver am: Montag, 11.04.2011

Wie fast jede hat auch diese Medaille zwei Seiten. Möglicherweise werden aus Kindern von rabenartigen Karrieremüttern interessantere Menschen!? Vielleicht sehen sie die "richtigen" Sachen, wenn sie vor dem TV parkiert werden. Eventuell werden sie früher oder überhaupt selbstständig, weil sie schon früher Räume (zeitliche und geografische) für sich nutzen müssen, können, dürfen. So genau weiss das nicht, aber:

Ich breche eine Lanze für vielseitige Mütter, die auf mehreren Bühnen tanzen, weil mir auffällt: Mit deren Kinder verstehe ich mich besser. Die sind nicht erwachsener, aber zuweilen etwas besser aufs Leben vorbereitet - und deshalb und im Idealfall: so vielseitig und selbstständig wie ihre Mütter.

Wenig Grund in Sicht also, den medial gehypten Rabenmutter-Komplex zu kultivieren. Rabenmütter gibts schon. Andere aber auch. Und jene mit den selbstständigen und nicht zu jeder Zeit in Watte gepackten Kinder (weil noch andere Bühnen da), die mag ich ganz gerne. Weil ich mich mit ihnen so gut verstehe, wie mit ihren Kindern. Und beide können Job, Karriere und Privatleben meistens ziemlich gut trennen. Einfach ist das nicht, aber die packen das, erlebe ich jeden Tag.

von: Katinka am: Freitag, 20.04.2012

Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass die Mütter dort seit Jahrzehnten das Problem im Griff haben. Die allround-Erzieherinnenrolle wird dort schon viel eher abgestreift und delegiert, und trotzdem wüsste ich nicht, dass aus französischen Kindern unglückliche oder unterentwickelte Menschen wachsen.

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