Deutsche Sprach', schwere Sprach'

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 30.03.2011

Mit der Einschulung verkommt die deutsche Aussprache. Warum nur?

Geht das akzentfreie Hochdeutsch in der Schule vor die Hunde?

Gestern hörte ich meiner ältesten Tochter zu, als sie mit jemandem telefonierte, der offensichtlich kein Schweizerdeutsch verstand. Das soll es geben.

Besagte Tochter absolvierte das Gymnasium und studiert derzeit. Sie las also alle berühmten Autoren deutscher Sprache, von Goethe und Schiller bis Thomas Mann und Droste Hülshoff. Dramen und Prosa und Poesie ohne Ende. Sie hielt Vorträge über Versmasse und Schüttelreime und wird in Zukunft als Juristin in hochdeutscher Sprache argumentieren müssen, und nicht auf Schweizerdeutsch.

Aber gestern traf mich fast der Schlag: Es tönte wie einst bei Emil. Gut, wir sind Schweizer. Das darf man auch heraushören, wenn wir andere Sprachen sprechen, daran ist nichts schlecht. Aber muss man deswegen gleich zur holprigen Lachnummer mutieren?

Tatsache ist, dass Melina, als sie in die Schule kam, nahezu akzentfrei Hochdeutsch sprach. Wir sprechen zwar Zuhause ausschliesslich Baseldeutsch, und da bin ich auch streng, ich will, dass sie den Dialekt korrekt sprechen, ohne Germanismen. Von uns hatte sie das also nicht. Aber in den Rollenspielen, die im Kinderzimmer oder im Garten so stattfanden, wurde von allen Kindern immer Hochdeutsch gesprochen, und zwar ziemlich gut. Das lag wohl an den Märchenkassetten, die sie sich reinzogen, etwa Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen. Fernsehen durften sie eigentlich nie, aber Filme schauten sie schon. Das scheint sie motiviert zu haben, jedenfalls spielten sie auf Hochdeutsch, und das klang manchmal wirklich lustig: «Näi, ich wär jetzt d Muetter, du kasch s Kind si wo Buchweh het», und: «Hast du noch immer Bauchschmerzen, mein Kleines?».

Den Schweizer Akzent lernen die Kinder also ganz klar in der Schule. Ich sprach meine jüngere Tochter einmal auf den Wechsel an, und sie erklärte mir dann, sie „switsche“ halt: in der Schule rede sie das, was die Lehrer Hochdeutsch nennen, und privat mit ihren Hochdeutsch sprechenden Kolleginnen die akzentarme Variante. Weshalb sie denn nicht auch in der Schule richtig Deutsch spreche, fragte ich nach. Sie würde ausgelacht, erklärte sie vage, und entzog sich meinem Interview.

Als frisch gebratene Anwältin war ich einmal an einer Verhandlung dabei, an der mein Chef, ein renommierter, erfahrener Anwalt mittleren Alters, auf einen deutschen Anwalt traf. Mein Schweizer Chef hatte zumindest rhetorisch nicht den Hauch einer Chance. Dabei ist er in seiner eigenen Sprache alles andere als auf den Mund gefallen, redet rasch, klar und analytisch kompetent. Auch auf Englisch und Französisch. Aber sein Deutsch war die reine Katastrophe. Ich schrieb mir dies damals hinter die Ohren und bemühe mich seither darum, ein rasches und akustisch korrektes Deutsch zu sprechen. Schwierig ist das nicht, das schafft man als Deutschschweizer wirklich mit links. Wenn man will.

Ich finde bedenklich, wie hierzulande ausgerechnet von Pädagogen Hochdeutsch gesprochen wird. Es kann doch nicht sein, dass unsere Kinder, die mit einer ordentlichen deutschen Aussprache eingeschult werden, dort diese scheussliche, kehlige und langsame Sprechart lernen, die sie im internationalen Verkehr lächerlich macht. Wir Schweizer sind zu Recht stolz auf unsere Sprachkompetenz. Bloss auf Deutsch machen wir uns vorsätzlich zum Affen, obwohl jeder Deutschschweizer einen hochdeutschen Akzent problemlos hinkriegen würde. Wenn er will. Was ist da bloss los?

Kommentare

von: alam am: Mittwoch, 30.03.2011

Doch, wir dürfen, finde ich. Die Bayern sprechen mit ihrem Akzent hochdeutsch, die Österreicher mit ihrem, und wir haben halt unseren Schweizer Akzent. Ich schäme mich nicht mehr dafür.

von: Robert am: Mittwoch, 30.03.2011

Versucht ein Deutschschweizer mit harter "R"-Aussprache reines Hochdeutsch zu sprechen, dann klingt das ganz schnell gestelzt und künstlich. Stimmen die Inhalte, dann hat der Schweizer Akzent auch zusätzlichen Charme.

von: Nea am: Mittwoch, 30.03.2011

Ja, die wundersame Verwandlung von kleinen Aussprachekünstlern, die Englisch, Deutsch oder Französisch auch dann noch akzentfrei nachsprechen können, wenn sie nicht verstehen, was sie da sagen zu lauter kleinen Emils im Klassenzimmer ist ziemlich krass. Sie betrifft sogar Kinder mit Hochdeutsch als Muttersprache! Das konnte ich gerade anlässlich eines Besuchstages in der ersten Klasse feststellen.
Was deutlich wurde: Entscheidend ist da wohl das unterrichtende Sprachvorbild. Es schaffte es nicht nur, alle typisch helvetischen Laute zu vermitteln. Nein, die Kinder lernen auch gleich noch wunderschöne Helvetismen à la "Jetzt nimmt mich noch wunder...". Nimmt mich ja auch wunder, wie die Kinder da anständig Hochdeutsch sprechen lernen sollen...

von: Andrea Strahm am: Donnerstag, 31.03.2011

Mir will einfach nicht in den Kopf: da macht man Frühchinesisch, Bi-Lingual, Fördern hier und Pushen da, aber was wirklich international wichtig wäre, ein rasches, stilsicheres Deutsch, das wird nicht vermittelt. Von den Lehrkräften nicht, denn die tönen am schrecklichsten, aber die müssen ja auch nicht an einer Verhandlung mit deutschen Partnern bestehen. Dabei wäre es so einfach.

von: Sportpapi am: Freitag, 08.04.2011

Schön, dass heute noch jemand sagt, deutsch sei wichtig... Aber sonst finde ich die Aussagen ziemlich überzogen. Nach wie vor geht Inhalt vor der Form/Präsentation. Schön, wenn die Kinder in der Schule ein gutes Deutsch lernen würden - gut, wenn sie es wenigstens schriftlich im Griff haben. In der Verhandlung mit deutschen Partnern ist es doch schon schön, wenn sich die Schweizer in einer "Fremdsprache" bemühen. Ob die Deutschen auch immer auf ihren Dialekt verzichten?

von: Eni am: Samstag, 09.04.2011

Tschuldigung Frau Strahm
welches schweizer Kind spricht denn schon akzentfreies Hochdeutsch wenn es eingeschult wird? Ich kenne keins, sind diese Wunderkinder alle in Basel zu Hause? Finde Ihren Artikel sehr überheblich und nicht realistisch.

von: Ursula am: Donnerstag, 21.04.2011

Wenn ich den Kommentar von Eni lese, straeuben sich mir die Nackenhaare. Fuer jemanden, der ganz offensichtlich im Deutschunterricht einen Fensterplatz hatte und von Orthographie, Stilistik oder Interpunktion noch nie etwas gehoert zu haben scheint, muss ein derart gut und praegnant verfasster Text, wie jener von Andrea Strahm, tatsaechlich ueberheblich erscheinen.....

Ich kenne Sie nicht, Frau Strahm, aber Sie sprechen mir aus dem Herzen! Mein Sohn wurde letzten Sommer eingeschult. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte auch er eine sehr schoene, beinahe akzentfreie Aussprache. Von Anfang an habe ich darauf sehr grossen Wert gelegt, ihm konsequent nur hochdeutsch vorgelesen und ihn hochdeutsche Hoerspiele hoeren oder Sendungen ansehen lassen. Bereits nach wenigen Monaten nach Schuleintritt fiel mir der Verfall seiner Aussprache auf. Doch ist das ein Wunder? Hochdeutsche Unterrichtssrache in Ehren - dies setzt aber voraus, dass die Lehrkraefte nicht nur der deutschen Grammatik, sondern auch der akzentfreien Aussprache maechtig sind!!!! Dies ist leider nicht der Fall - im Gegenteil! Wer einmal eine Unterrichtsstunde besucht hat, wird verstehen, was ich meine. Und darueber, was wir - und unsere Kinder -zu hoeren bekommen, wenn wir unseren geschaetzten Politikern in den Nachrichten lauschen, darueber will ich mich jetzt gar nicht auslassen. Das ist einfach nur beschaemend. Ich pflichte Ihnen, liebe Frau Strahm, vollends bei, dass es ueberhapt nicht schwierig ist, sich gut und akzentfrei auszudruecken. Man sollte sich selber beim Sprechen besser und selbstkritischer zuhoeren.....

von: Eni am: Freitag, 22.04.2011

@ Ursula

Machen Sie das immer so, dass Sie jemanden beleidigen wenn Sie sonst nichts zu sagen haben?

Ich habe meinen Unmut über den unrealistischen Anspruch von Frau Strahm geäussert; nicht mehr und nicht weniger. Ihre Kritik an meinem Schreibstil, ist weder gefragt noch erwünscht. Und was die Selbstkritik betrifft, da haben Sie vor Ihrer Haustüre mehr als genug zu tun.

Ich wohne in der Schweiz und ich kenne kein einziges Schweizerkind welches zur Zeit der Einschulung akzentfreies Hochdeutsch spricht. Und wozu soll das überhaupt gut sein? Müssen alle Menschen gleich tönen wenn sie sprechen? Darf man einem Menschen nicht anhören woher er kommt?

Beschämend ist nicht die Aussprache der Menschen aus verschiedener Herkunft, sondern Ihr "möchte gern was besseres sein als die Anderen" Gefasel.

Sorry, Sie sind überheblich, auch die Bayern sprechen nicht akzentfrei Hochdeutsch obwohl es Deutsche sind.

Meine Kinder sprechen in der Schule ein Deutsch welches Standardsprache genannt wird und nicht Hochdeutsch.

von: Martina am: Dienstag, 17.05.2011

Herzlichen Dank, Sie haben in Worte gefasst, was ich zu 100% unterschreiben würde!

von: michi am: Donnerstag, 09.06.2011

Al Tessinerin,in Zürich wohnhaft, finde ich die Diskussion interessant. Ich denke der Akzent sei überhaupt nicht wichtig. Wichtig ist dass die Kinder eine korrekte Sprache lernen. Ich habe zwei Kinder. Die Aeltere spricht perfekt Italienisch, Deutsch (mit Tessiner Akzent wie ich) und Mundart. Die Kleine spricht alle drei Sprachen nicht so gut, aber ihr Akzent in Hochdeutsch ist perfekt. Was bedeutet das? Dass nicht alle denselben Akzent haben können. Mein Vater ist sprachbegabt, er spricht (als Deutschschweizer) Tessinerdialekt und Italienisch perfekt, ohne Akzent. Ich werde nie auch nur auf Schweizerdeutsch reden können, obwohl ich studiert habe...Das gleiche gilt beim Akzent: einige können das, andere nicht, das gilt auch für die Lehrer!
(Bitte entschuldigen sie meine Fehler)
(

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