Die Hobbykeller-Initiative
von: Eva Assignon am: Freitag, 19.11.2010
Spaghettitanz und Flaschenspiel: Gibt es das langsame Annähern ans andere Geschlecht im Zeitalter der Internet-Pornographie noch?

«Dreams are my reality»: Szene aus «La Boum», dem Riesenhit der 80er-Jahre.
Im Rahmen der Recherche für diesen Blog habe ich ihn mir wieder einmal angesehen: Sex im Internet. Wow, da bleibt einem die Spucke weg. Es gibt nichts mehr, was man nicht zu sehen bekommt; nichts, was einem nicht detailreich vor die Nase gezoomt wird.
Meine anfängliche Neugierde verwandelte sich innert Kürze in ein gewaltiges Entsetzen, das mir hart und kalt wie ein Stein im Bauch lag. Angeekelt stellte ich nach 40 Minuten den Laptop aus. Das bisschen Geilheit, das gerne aufgekommen wäre, zugemüllt mit frauenverachtendem, widerlichem Schrott. Sicher, ich wäre durchaus interessiert an schönen, an- und aufregenden Bildern und Filmen, doch um solche zu finden, wenn es sie denn überhaupt gibt, muss ich mit Sicherheit meine Recherche um einige Stunden oder Tage erweitern. Worum es aber hier gehen soll: Unsere Kinder. Wie gehen sie mit der Flut an sexualisierten Bildern um? Was für eine Art von Sexualität wird ihnen vermittelt? Was halten sie für «normal»?
Ich bin jetzt, mit 37 Jahren reif genug, um die Gefühle, die der Pornokonsum in mir auslöst, zu definieren und ernst zu nehmen. Denn ich weiss, was ich will, was mir gut tut und was nicht. Von alledem hatte ich bis Ende zwanzig! höchstens eine Ahnung. Die keinesfalls dazu ausgereicht hat, meine Würde als Frau bis ins intimste Zusammentreffen mit dem anderen Geschlecht zu wahren und zu schützen. So frage ich mich: Was bewirken all diese Bilder mit einer weichen, zarten, offenen, neugierigen, verletzlichen Kinderseele? Es muss ein Schock sein. Auf Wikipedia lese ich:
Jugendliche und auch Kinder mit Internetzugang kommen normalerweise ebenfalls mit Cybersex in einer seiner Erscheinungsformen in Berührung. Eine im Jahr 2006 durchgeführte Studie an Minderjährigen in den Niederlanden ergab, dass 75 Prozent der Mädchen und 80 Prozent der Jungen sexuelle Erlebnisse im Internet hatten. Dabei erlebten 26 Prozent der Mädchen und 10 Prozent der Jungen diese Erlebnisse als negativ. Ähnliche Ergebnisse lassen sich für den gesamten westeuropäischen Raum erwarten.
Wie es mit den meisten Studien ist: interessant, aber nichtssagend, und die Wirklichkeit verbirgt sich weit darunter in den Untiefen des menschlichen Individuums. Wie viele Kinder und Jugendliche geben zu, Sex im Internet konsumiert zu haben? Und wie viele beschreiben ehrlich ihre Reaktionen, insofern sie diese überhaupt benennen können? Wenn das, was sie im Internet zu sehen bekommen, die Normalität darstellt, wer wird dann nicht versuchen, sich an diese Normalität anzupassen, statt davon abzuweichen und dadurch jenseits der Norm zu stehen? Damit würden sie auch automatisch jenseits der Gruppe stehen, und wir alle wissen, wie wichtig Gruppen im Alter von zehn bis zwanzig (25? 30?) sind.
Ich will hier keinen auf heilig machen, ich weiss sehr wohl, wie es sich anfühlt, wenn man zur Sache kommen möchte, ohne vorher hundert Kerzen anzuzünden, Komplimente zu machen und tiefsinnige Gespräche zu führen. Aber ich bin kein Kind mehr. Und ich weiss, dass ich diese Lust zu meinem eigenen Schutz besser im geschützten Rahmen einer emotional tragenden Beziehung auslebe statt in freier Wildbahn. Was bedeutet, dass ein Haufen harte Arbeit auf mich wartet, bevor ich in den Genuss einer befriedigenden und befreienden Sexualität komme. Und genau das filtert die Porno-Industrie raus. Eigentlich wird nicht Sexualität gezeigt, sondern bloss noch die Reibung zwischen zwei Körperteilen.
Etwas nostalgisch denke ich zurück an meine eigene Jugend. Als die Lust wuchs, dem anderen Geschlecht behutsam näherzukommen. Wir verantstalteten Discos im Hobbykeller, sorgten für schummrige Beleuchtung, damit die verlegene Röte in unseren Gesichtern unsichtbar blieb, und legten ausschliesslich Schmusesongs ein. Dann wurde «geschlossen getanzt», sprich: Man tanzte in enger Umarmung (rechter Fuss, linker Fuss, etc.), hörte das Herz des anderen so laut klopfen wie sein eigenes, roch den Angstschweiss, spürte die Hormone zappeln und konnte sich bei der genau definierten Damen- und Herrenwahl immer wieder darin üben, mutig über den eigenen Schatten zu springen und einen Schritt auf das Gegenüber zuzumachen. Es war herrlich, und es genügte vielen von uns für ein, zwei Jahre.
Mein Sohn ist erst drei, wir befinden uns also noch in einer ganz anderen Phase (auch Schnäbi- übrigens), also weiss ich nicht: Werden Hobby-Keller noch immer zum Engtanzen benutzt? Wird Engtanzen überhaupt noch praktiziert? Wäre es denn überhaupt möglich, sich wieder LANGSAM an das andere Geschecht heranzutanzen, äh tasten, trotz freier Porno-Verfügbarkeit? Verbieten bei Jugendlichen kann man eh vergessen, aber: Vielleicht wäre all das Herzklopfen, das Anschmiegen an einen BEKLEIDETEN Körper, das ganze Kennenlern- und Verzögerungsspiel um Längen spannender als das mechanische Rumgebumse der Pornodarsteller?
Autorin
Eva Assignon ist Naturheilpraktikerin und Homöopathin.
Zurzeit lässt sie sich in afrikanischer Perkussion ausbilden und lebt als Initiantin und Betreiberin von www.bestefreundin.ch mit ihrem Sohn in Langenthal.
Mein Sohn ist auch noch nicht in diesem Alter, aber ich würde mal vermuten, dass sich am langsamen Herantanzen nicht allzuviel verändet hat. Das Angebot im Internet betrachte ich als Beitrag zur Aufklärung, man kann ja auch anhand von Beispielen wie es eben nicht funktioniert, darüber sprechen. Die Offenheit schätze ich und ich hoffe, dass unsere Kinder dadurch zu einem früheren Zeitpunkt in ihrem Leben zu einer befriedigenden Sexualität kommen. Ich finde es noch immer besser als die Menschenkunde die zu meiner Zeit (ich bin Jahrgang 1964) beim Bauchnabel aufhörte und dann beim Knie weiterging...
Hallo lieber wireltern blog, ich als 16 Jährige möchte einfachmal zu diesem spannendem Thema,und als Mädchen, meinen Kommentar dazu beitragen.
Eine Antwort auf die Kellertanzpartys ist schonmal : Kaum. Mittlerweile werden aber auch Partys für ältere anders gestaltet als früher,wie ich von meinen Eltern immer wieder höre. Eine Gesellschaft entwickelt sich nuneinmal. Pornos im Internet gucken sich auch Männer im älteren Alter an , es kommt nur darauf an ob man sie VOR den eigenen Erfahrungen guckt oder danach. Sicher ist die Jugend füher sexualisiert , und früher darauf aus SEX zu praktizieren. Jungs gucken auf Ärsche & Titten und denken nicht über die Schönheit odr den Charackter nach . Aber das ist okay. Schlimm finde ich allerdings die Einfacheit eines Pornos,wie im Artikel selbst beschrieben. Kondome werden nicht zwingend benutzt , wenn der Allerwerteste ins SPiel kommt wird da einfach losgelegt. Und eine Illusion wird aufgebaut. Als Mädchen gerät man unter Druck , weil man natürlich nicht mit den prono Mädels mithalten kann oder will. Das sind die Gedanken der Jugendlichen , aber aus meinem Umfeld kann ich sagen gibt es genügend Jugendliche die sich nach einer langen festen beziehung sehnen. Weil man genau dort ausprobieren kann was man will. Ich kenne viele Beziehungen die schon 3 Jahre gut funktionieren und finde das für 14- 19 Jährige eigentlich recht gut.
Viele liebe grüße
Ich habe ja zwei Töchter im fraglichen Alter und es ist wie Alena es sagt: halb so wild. Natürlich schauen Jungs Pornos, aber meistens wollen sie in dem Alter eine feste Beziehung. Wärme gibt es nicht übers Netz, und man sucht ja einen Menschen aus Fleisch und Blut. Nicht umgehen mit den ganzen neuen Medien können Leute mit Beziehungsproblemen, die flüchten sich in die elektronische Ersatzwelt. Die gibt es aber in jedem Alter, und da gilt eher: je älter, desto schlimmer, den die Frustrationen häufen sich über die Jahre an.Die Jungen sind viel unbelasteter und deshalb offener.
hmm..., trotz der tatsache das härteste pornographie auch bei jugendlichen nur ein paar clicks weg ist, mache ich mir keine allzu grossen sorgen, dass sie nicht wie wir alle vor ihnen, die sexualität entdecken und am eigenen leib erfahren müssen. wie süss diese erfahrungen sein werden, darauf hat man als eltern nicht viel einfluss, aber vor bitteren erfahrungen schützt eine vernünftige und vor allem zeitgerechte aufklärung - möglichst ohne tabus. es gibt keinen grund, warum junge menschen nicht gleich viel spass am sex haben sollten, wie die etwas älteren.