Die Rätsel um Hanni und Nanni
von: Rita Angelone am: Dienstag, 31.01.2012
Um Zwillinge ranken sich jahrhundertealte Mythen. Wie viel Wahrheit steckt in ihnen oder sind es bloss Ammenmärchen?

Wer ist Hanni, wer Nanni? Sophia und Jana Münster als Hanni und Nanni im Film «Hanni und Nanni» (2010)
Als ich kürzlich in einem Restaurant gegenüber Zwillingen im Kinderwagen sass und deren Mutter beim abwechslungsweisen Füttern beobachtete, schossen mir einige Fragen durch den Kopf: «Müssen Zwillinge gleich gekleidet sein? Haben sie beide zur selben Zeit Hunger? Mögen sie denselben Brei? Essen sie gleich viel? Entwickeln sie sich folglich gleich weiter? Darf man Zwillinge überhaupt trennen?»
Zwillinge waren immer schon Gegenstand von Mythen und Vorurteilen. Insbesondere Eineiige wirken rätselhaft und faszinieren immer wieder aufs Neue. Doch, welches sind die Ammenmärchen, die sich zum Teil seit Menschengedenken hartnäckig halten? Und wie viel Wahrheit steckt in ihnen?
Ihre Geburt
- Zwillinge müssen per Kaiserschnitt geboren werden.
Eine Frau ist grundsätzlich fähig, Zwillinge natürlich zu gebären und längst nicht alle Zwillinge kommen per Kaiserschnitt zur Welt. Spricht man über drei oder mehr Kinder, besteht in der Tat ein erhöhtes Risiko und in solchen Fällen wählt man den Kaiserschnitt.
- Zwillinge kommen immer zu früh auf die Welt.
Die Wahrscheinlichkeit von Frühgeburten in einer Zwillings-Schwangerschaft ist etwas höher. Gemäss Hebammen erfolgt die Geburt von Zwillingen im Schnitt allerdings in der 37. Woche. Viele Zwillinge kommen auch in der 40. Woche auf die Welt.

Ihr Aussehen
- Eineiige Zwillinge kann man nicht unterscheiden.
Kennt man eineiige Zwillinge gut, sieht man auch die feinen Unterschiede: So können sie verschiedene Stimmen oder Gesichtsausdrücke haben. Die Fingerabdrücke sind immer unterschiedlich.
Ihr Verhalten und ihr Wesen
- Zwillinge sehen nicht nur gleich aus, sondern verhalten sich auch gleich.
Zwillinge tendieren dazu, ihr Verhalten als Reaktion auf den anderen zu intensivieren und auszuweiten. Dieses Phänomen ist als Twin Escalation Syndrom bekannt: Zwilling A weint, Zwilling B weint lauter. Im Gegenzug weint Zwilling A gar noch lauter und so weiter und so fort.
- Einer ist gut, einer ist böse.
Das Wesen von Zwillingen unterscheidet sich nicht mehr als dasjenige von gewöhnlichen Geschwistern. Aber da Zwillinge oft beweisen wollen, dass sie sich unterscheiden, neigen sie dazu, ihre Individualität und ihre Unterschiede stärker zum Ausdruck zu bringen.
- Der Erstgeborene ist ein Führer, der Zweitgeborene ist ein Mitläufer.
Die Geburtenfolge hat keinen Einfluss auf Zwillinge. Aber wird Zwillingen ständig gesagt, dass einer von ihnen älter ist, beginnen sie oft, sich entsprechend zu verhalten.
- Zwillinge sind die besten Freunde.
Obwohl das Band zwischen Zwillingen einzigartig ist, geniessen Zwillinge auch die Freundschaft mit anderen Kindern und sind nicht in jedem Fall automatisch die besten Freunde.
- Zwillinge sind ständig im Konkurrenzkampf.
Auch Zwillinge sind dem Phänomen der Geschwisterrivalität unterworfen. Nicht mehr und nicht weniger, als gewöhnliche Geschwister.
Ihre Erziehung und ihr Leben
- Es ist doppelt so anstrengend, Zwillinge gross zu ziehen.
Wie die Liebe kann auch die Arbeit der Eltern nicht quantitativ gemessen werden. Die Arbeit kann auch als einfacher betrachtet werden, als gewöhnliche Geschwister gross zu ziehen, weil Zwillinge sich gegenseitig als Spielkamerad haben und Eltern nicht ständig Unterhalter sein müssen. Und der doppelten Arbeit kann schliesslich die doppelte Freude angerechnet werden!
- Eineiige Zwillinge sind weniger intelligent, da sie sich ein Gehirn geteilt haben.
Im Kleinkindalter erscheint ihre Sprache im Vergleich mit gleichaltrigen Kindern oft etwa ein halbes Jahr unterentwickelt. Diese leichte Verzögerung, die jedoch im Laufe der Entwicklung ausgeglichen wird, lässt sich auf verschiedene Besonderheiten im Aufwachsen von Zwillingen zurückführen und hat nichts mit verminderter Intelligenz zu tun.
- Zwillinge sollten nicht gemeinsam zur Schule.
Es gibt keine Beweise dafür, dass es vorteilhaft ist für Zwillinge, in getrennten Klassen platziert zu werden. Jedes Zwillingspaar ist anders und viele verschiedene Faktoren – wie z.B. die Dynamik ihrer Beziehung oder ihr individuelles Lernverhalten – spielen für den Entscheid eine Rolle.
- Eineiige Zwillinge leiden unter den gleichen Krankheiten.
In vieler Hinsicht ist dies der Fall, da eineiige Zwillinge einen ähnlichen Genotyp haben. Aber ihre Gesundheit hängt auch von Lifestyle-, Umwelt- und anderen Faktoren ab.
- Zwillinge «fühlen» sich gegenseitig auf Distanz.
Da Zwillinge viel Zeit miteinander verbringen, haben sie eine tiefere Empfindlichkeit, wie es aber auch Eltern und Kinder, Eheleute oder auch gewöhnliche Geschwister haben können. Weil Zwillinge oft ähnlich denken und handeln, können sie die Gedanken des anderen «lesen» oder Entscheidungen «vorhersehen».
Quellen: Bundesamt für Statistik, Myths about Multiples
Welche Erfahrungen haben Sie mit Zwillingen gemacht? Was ist wahr an diesen Mythen?
Weitere Beiträge und nützliche Links
• Glück im Doppelpack?
• Zwei auf einen Streich
• www.mehrlingsverein.ch
• www.twinmedia.ch
• www.zwillings-family.ch
Ich habe zwar selber keine Zwillinge, aber all diese "Mythen" kommen mir sehr bekannt vor und ich kann mir vorstellen, dass viele Zwillingseltern die Nase voll haben, solche Behauptungen immer und immer wieder zu hören. Die Zwillinge später ja dann auch. Selber werde ich gerade mit dem Gegenteil konfrontiert: meine Kinder sehen einander überhaupt nicht ähnlich und da kommen z.T. genau so haltlose Behauptungen auf.
Auch ich bin immer wieder fasziniert über die Ähnlichkeit von Zwillingen wie zum Bespiel die Degens. Ich finds aber super, dass diese Myhten einmal wiederlegt wurden.
Auch bei Zwillingen gilt: Wenn man nur auf die Verpackung schaut, sieht man die Mythen und Vorurteile. Wenn man den Menschen dahinter anschaut, sieht man das Individuum.
Zwillinge sind Menschen. Punkt.
Apropos Degen-Brüder: ich habe vor einiger Zeit bereits etwas zu Zwillingen verfasst: http://www.dieangelones.ch/2011/03/zwillinge-echte-und-weniger/
Wenn ich Zwillinge hätte würde ich sie wie 2 einzelne Geschwister behandeln.
Gleich anziehen,in die gleiche Klasse, Hobbys, usw... ob man da den Kindern einen gefallen damit macht oder ihnen eher schadet und sie in ein Schema drängt ?
Ps: guter Artikel :-)
Ich kann und will nicht auf jedes Mythos eingehen (habe ja definitiv zweieiige Jungs), aber eines muss man einfach immer wieder betonen: Zwillinge kommen sehr oft zu früh auf die Welt. Ungefähr die Hälfte der Zwillinge werden vor der 37. Woche geboren. Sie sind generell reifer als gleichaltrige Einlinge, und sie erholen sich auf der Neonatologie generell auch schneller als Einlinge. Aber die Hälfte ist viel. Diese Zahl hat sich in den letzten 10 Jahren trotz verschiedener Ansätze (Prophylaktisches Liegen, Cerclage etc) nicht verändert, also müssen Zwillingsschwangere einfach darauf vorbereitet sein, dass es sie treffen könnte. Und sie sollten dann vor allem am richtigen Ort sein wenn’s los geht. Auch ungefähr die Hälfte aller Zwillinge verbringt ein bisschen Zeit auf der Neonatologie. Als werdende Eltern hat man Tendenz, das zu verdrängen, man will sich ja nicht noch mehr Sorgen machen als nötig. Den allermeisten Zwillingen geht es aber nach der Neonatologie recht gut.
Man lässt heute kaum eine Zwillingsschwangerschaft über 38 Wochen dauern. Retrospektive Statistiken zeigen, dass Zwillis, die um die 38. Woche geboren wurden, am wenigsten Probleme haben, d.h. man vermutet, die Probleme steigen wieder an, wenn man länger wartet (genau bewiesen ist das aber nicht). Ich muss sagen, ich war froh, zur 38. Woche den “Gnadenschnitt” zu kriegen, denn der Bauch war schon echt riesig (2960 und 3130g)…
Meine eineiigen Zwillinge sind jetzt 5 Jahre alt und haben noch 2 jüngere Geschwister.
Ich behandle auch die Zwillinge als 2 eigenständige Menschen und mache keine vergleiche. Jedes hat ihre Stärken wie auch ihre Schwächen. Sie durften schon früh zb. selber die Kleider aussuchen und jedes ihre Meinung/Wunsch mitteilen. Daher mache ich mir nichts aus Mhyten.
Sie kamen zwar 6 Wochen zu früh - kenne aber auch Zwillingmamis, die haben sogar übertragen.
Was (eineiige) Zwillinge haben, ist sicher diese tiefe Verbundenheit zueinander, was ein nicht Zwilling wohl kaum nachfühlen kann.
Ein grosser Nachteil (vorallem für eineiige Zwillinge) sind wohl die ewigen Vergleiche vom Verwandten und Bekanntkreis oder die Aussage "oh euch kann ich noch immer nicht auseinander halten...".
Ebenfalls haben noch viele im Kopf das Zwillinge auch alles gleich gerne haben müssen oder in allem gleich gut sind. Wenn sich dann raus stellt, das es nicht so ist, dann kommt das grosse Staunen "oh, gibts das???"
Wie auch immer, Zwillinge sind was tolles :-)
Irgendwie kann ich Zwillingseltern auch verstehen, wenn sie die Kinder gleich anziehen. Ist nun mal weniger Aufwand beim Einkaufen.
unsere Jungs sehen so grundverschieden aus, sind auch total verschieden gross, so dass es manchmal nett ist, sie gleich anzuziehen (aber in versch. Grössen), damit man wenigstens ahnt, dass sie Zwillinge sind.... Das "gleiche" Zeug bekommen wir seltsamerweise aber immer von anderen geschenkt.
Für mich ist leider DIE Expertin im Bereich Zwillings- und Mehrlingsforschung vor wenigen Jahren gestorben (Elizabeth Bryan). Dieses Buch, unten aufgeführt, ist für mich DAS Buch für angehende Zwillingseltern, Paten und Patinnen, Grosseltern und Lehrer. Das Buch versucht aufzuzeigen, dass man jedes Kind als einzigartig anschauen soll. Deswegen gebe ich diesen Buchtitel auch häufig weiter, damit das Umfeld sich mit dem Thema auseinandersetzen kann.
Für weitere Informationen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Der Artikel ist gut gelungen.
Erna Schaer,
Erwachsenenbildnerin FA,
Drillingsmutter,
Fach- und Kontaktstelle für Zwillinge und Mehrlinge,
Lilienweg 5,
9472 Grabs.
www.mehrlingsverein.ch
Zwillinge, Drillinge und noch mehr... Praktische Hilfen für den Alltag [Taschenbuch]
Elizabeth Bryan (Autor)
Kurzbeschreibung:
Zwillinge und andere Mehrlinge sind nie einfach 'ganz normale' Kinder. Bereits ihre Geburt, dann aber auch ihre frühe Pflege und Erziehung stellen Eltern, Verwandte, Lehrer und Ärzte vor eine Reihe ungewöhnlicher Probleme: Was sind die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder, und wie wird man ihnen gerecht? Welche Rolle spielen der Vater und andere Familienmitglieder? Wie werden aus 'gleichen' Menschen einzigartige Individuen? Was für Probleme gibt es in der Schule? Und was geschieht, wenn ein Zwilling stirbt? Die Autorin, seit vielen Jahren in einem Zentrum für Zwillingsforschung in Grossbritannien tätig, bietet aus ihrem Erfahrungsschatz viele handfeste Ratschläge für den täglichen Umgang mit Zwillingskindern.
Wir sind der Zwillingseltern-Verein des Kanton Zürich und sind jederzeit bereit, die "Wahrheit" über Zwillinge zu verbreiten....und anderen Zwillingseltern zu helfen.
Auf unserer Website finden Sie interessante Informationen und Links, sowie das breite Angebot des Vereins: Informationsabende, Treffen, Broschüren, Materialverleih, Börsen etc.
www.zwillings-family.ch
Das ist ein interessanter und kurzweiliger Artikel. Und er passt hervorragend zum neuen, ironischen Ratgeberbüchlein "Zwillinge. Wieso einfach, wenn's auch kompliziert geht?", das am 5. März in den Handel kommt. Dieses Büchlein gibt (werdenden) Zwillingseltern 78 Anti-Tipps, wie sie sich, ihren Partnern und ihren Zwillingen das Leben schwer machen können. Dabei werden ganz viele dieser Mythen aufgegriffen. Im Buchshop des Twinmedia Verlags kann der Ratgeber als Ebook im pdf-Format bereits bestellt werden: http://www.twinmedia.ch/twinmedia_shop/index.php?cat=KAT02&product=EZ-A-06&sid042405F6C2AD4093B0F8C260EFEF2D01=39a4454f070319ba9d5d3e9e3f5dff72
Herzliche Grüsse
Tonja Züllig
Zwillingsmutter, Autorin