Eltern sein lernen

von: Rita Angelone am: Dienstag, 26.06.2012

Damit werdende Eltern für das Projekt Familie gewappnet ist, bieten die Kantone Bern und Aargau eine mehrmonatige Elternausbildung an.

Man lernt nie aus: Eltern mit Baby. (Bild: iStockphoto)

Unser schnelllebige Zeit hat auch ihre Spuren hinterlassen auf die Art und Weise, wie sich werdende Eltern auf ihre neue Aufgabe vorbereiten: Geburtsvorbereitungskurse können in Kompaktform an einem Wochenende oder gar an einem einzigen Abend absolviert werden, Elternratgeber gibt es längst im Quick-Pocket-Format und amerikanische Models verkürzen unterdessen ihre Schwangerschaften schon um einen Monat, um das Wachstum ihrer Bäuche im Zaum zu halten und nach der Geburt rascher wieder in Laufstegform zu geraten (lesen Sie dazu: «Die Kaiserschnittdiät»).

Ein markanter Gegenpol zu diesem Trend stellt die 18-monatige Lehre zum Elternsein dar, die ab Oktober im Kanton Aargau absolviert werden kann. Während der Ausbildung lernen Eltern den richtigen Umgang mit ihrem Baby und erhalten am Ende ein Diplom.

Diese Art von Elternausbildung ist nicht neu. Bereits seit 2007 bietet der Kanton Bern eine sogenannte Elternlehre an. Nun zieht der Kanton Aargau nach, und das Angebot könnte weiter Schule machen. Denn – es ist genauso ein Zeichen der Zeit – viele werdende Eltern sind heutzutage sehr verunsichert und wollen sich deshalb möglichst umfassend und gewissenhaft auf ihre neue Rolle vorbereiten.

Eltern in ihrer künftigen Erziehungsaufgabe präventiv zu stärken, ist bestimmt sinnvoll und kann mögliche Überforderungen vorbeugen, bevor es in der jungen Familie zu Schwierigkeiten kommt. Die Ausbildung hat zwar ihren Preis. Doch einerseits wird die Lehre vom Kanton Aargau unterstützt und andererseits sollte der finanzielle Aufwand – wie bei jeder anderen Ausbildung auch – als langfristige Investition ins Familienleben betrachtet werden.

Statt also als frischgebackene Eltern mit einem schreienden Baby im Arm einhändig in Remo Largos Standardwerk «Baby- und Kinderjahre» durchzublättern, um nach einer rasch wirkenden Lösung für das akute Schlafproblem zu suchen oder im Nachgang an die Geburt monatelang die Mütterberatung, Chrabbelgruppen und PEKIP-Kurse zu besuchen, um die eigenen Probleme und Sorgen mit anderen Eltern auszutauschen, dürfte es angenehmer und nachhaltiger sein, sich während der Elternausbildung in Ruhe mit den bevorstehenden Herausforderungen auseinander zu setzen. Wohlwissend, dass Eltern – egal wie gut sie sich auf das Abenteuer Familie vorbereiten – bei der Geburt ihres ersten Kindes immer auch selber ein bisschen auf die Welt kommen!

Was meinen Sie dazu? Ist eine Elternlehre zu viel des Guten? Oder sollte sie sogar  obligatorisch sein?

Kommentare

von: Nicole am: Dienstag, 26.06.2012

Wie ist denn die Beteiligungsquote im Kanton Bern? Angesichts der Tatsache, dass doch immer wieder viele ungewollt schwanger werden, frage ich mich, ob ein 18monatiger Kurs das Richtige ist... Aber statt "nur" ausgiebig die Geburt zu üben in einem Kurs fände ich einen generellen Grundkurs sinnvoll. Meine Mami hat, als sie vor über 40 Jahren mit mir schwanger war, auch so einen Kurs gemacht.
Obligatorisch erklären liesse sich sowas wohl kaum? Oder würde man dann einer Frau mit Wehen den Zutritt zum Spital verweigern, wenn sie kein Diplom vorweisen kann? ;-)
Generell finde ich, dass es in der Schweiz niederschwellig viele Hilfsangebote gibt (Mütterberatung, Erziehungsberatung etc.). Leider sind aber viele Angebote zu wenig bekannt, und viele haben auch Hemmungen, jemanden um Rat zu fragen. Daran sollten wir arbeiten!

von: Brigitte am: Donnerstag, 28.06.2012

Natürlich ist es nicht ganz so einfach, eine "Lehre" zu gestalten, die auf alle möglichen Herausforderungen des Elternwerdens und Elternseins vorbereiten kann. Da jedes Kind, jede Familie so individuell ist und Elternn vor verschiedenen "Problemen" stehen können. Dennoch: es wäre schon zu überlegen, wie man Eltern sinnvoll auf ihre Aufgabe vorbereiten kann. Und ich Ihnen auch früh aufzeigen kann, was es für Themen gibt, die man im Auge behalten sollte, welche Stellen es gibt, an die sie sich wenden können etc. etc. Genau in diesem Gebiet, in dem man "niemandem drein reden sollte, weil ja Familie Privatsache ist", gäbe es schon Dinge, die man eben offen und frühzeitig besprechen könnte. Damit könnten auch viele Tabus aus der Welt geschaffen werden, wie z.B. Depressionen, finanzielle Probleme, Gewalt u.v.m.

von: Rabenmutter am: Donnerstag, 28.06.2012

Mein Problem bei all diesen Kursen (Pekip, Triple P & Co.) ist immer, dass ich das Gefühl habe, dass uns Eltern den Instinkt, die Intuition, abhanden kommt. Schliesslich könnte man sich ja einfach eine "Gebrauchsanweisung" beschaffen. Auch ich habe mir bei meinem ersten Kind eine gewünscht und bin heute froh, war keine dabei. Denn sonst hätte ich den Kleinen mit akademischem Blick angeschaut, statt mit dem Herzen. Wer aber verunsichert ist und sich nicht auf seinen Instinkt verlassen will, dem können solche Kurse vielleicht sogar helfen, diesen wiederzufinden. Wer weiss.

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