Keine Sklaven der eigenen Brut

von: Nathalie Sassine am: Dienstag, 11.01.2011

Ein Club von freiwillig Kinderlosen hält Kinder für wahrhaftige Terroristen.

Sind Kinder Terroristen, die uns versklaven?

Trotz den Giselles, Heidis und Angelinas dieser Welt, die ihren Kinderwunsch als einzig wahre Wahl propagieren, gibt es auch Frauen, die keinen Nachwuchs wünschen.

Nicht, weil sie keine kriegen könnten oder weil sie nicht den passenden Mann dazu haben. Nein, sie haben eines Tages beschlossen, dass Kinder in ihrem Leben überflüssig sind. Dürfen sie das denn?

Schon als kleines Mädchen wird frau darauf getrimmt, mit Puppen zu spielen, Windeln zu wechseln und den Kinderwagen der kleinen Geschwister zu schieben. Und wenn sie älter wird, kriegen diese Geschwister Kinder, die Freundinnen vermehren sich, so scheint es, im Multipack und die Jobs werden rar, weil frau eben im Risikoalter ist.

Nun gibt es aber Frauen, die merken irgendwann, dass sie gar keine Kinder wollen, auch wenn das alle von ihnen zu erwarten scheinen. Sie haben andere Träume, in denen für Kinder weder Platz noch Zeit ist. Oder sie finden das Leben schon schwer genug und trauen sich die Verantwortung nicht zu. Was immer der Grund für diesen Entscheid darstellt, darüber zu sprechen ist schwierig. Familie und Freunde haben meist Mühe, diesen Bruch mit der traditionellen Frauenrolle zu akzeptieren. “Wieso nicht? Und wenn du alt bist? Willst du ganz alleine sterben?” Aber sterben muss man schliesslich sowieso alleine, oder nicht?

Frauen, die diesen Wunsch, eben keine Kinder zu haben, aussprechen, werden immer misstrauisch beäugt. Man wirft ihnen vor, sie dächten nur an sich oder hätten vielleicht schlechte Erinnerungen an die eigene Kindheit. Wenn ihnen die Erfahrung des Mutterseins fehle, seien sie nur halbe Frauen. Die Möglichkeit, dass eine Frau, die kinderlos leben will, trotzdem glücklich werden kann, wird ihr vollkommen abgesprochen. Natürlich denken vor allem andere Mütter, das könne ja wohl nicht sein.

Das Thema ist tabu wie kein anderes. Verbrecher, Pädophile, Vergewaltiger kommen in News-Sendungen und Dokumentarfilmen zu Wort. Eine Frau, die sich hat sterilisieren lassen, bevor sie überhaupt ein Kind auf die Welt gebracht hat, wird hingegen lieber ignoriert. Das soll sie doch bitte für sich behalten.

Ausser, wie immer, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die USA hat wieder einmal die Vorreiter-Rolle übernommen, auch in Sachen Kinderlosigkeit. www.nokidding.net vereint Menschen, die sich entschlossen haben, keine Kinder zu haben.

Wie Mitglieder des Netzwerkes beteuern, ist es traditionellerweise schwierig, mit alten Freunden, die Eltern geworden sind, noch soziale Kontakte zu pflegen. Denn Eltern verkehren mit Eltern. Damit sie über ihre Kinder sprechen können. Was Nicht-Eltern nur mässig interessiert, ausserdem fühlen sie sich ausgeschlossen. Also vernetzen sich Kinderlose über die No Kidders. Sie treffen sich zum Superbowl, zum Essen oder einfach nur zum Plaudern. Die einzige Bedingung ist: NO KIDS!

Dies entspricht natürlich nicht dem familienorientieren “American Way of Life”. Ganz schlimm empfindet man in den USA Frauen, die “childfree” leben wollen. Denn eine Frau ist auch dort nur eine ganze Frau, wenn sie geboren hat.

Laura Ciaccio, Gründerin des Netzwerkes nokidding.net sieht die Institution Familie jedoch als Albtraum. Die erst Dreissigjährige studiert in Harvard und hat sich vor sieben Jahren sterilisieren lassen. Viele ihrer Mitkommillitonen erachten sie als egoistisch. Ihnen entgegnet sie, dass für sie Menschen, die Kinder in die Welt setzen, egoistisch sind. Schliesslich tun sie das ja nur für sich.

Ausserdem sind Kinder in ihren Augen wahrhaftige Terroristen. “A danger for the planet”, wie sie sagt. Denn Kinder verursachen mit den vielen Windeln und ihrem Plastikspielzeug Verschmutzung. Und wenn sie erwachsen sind, fahren sie Auto, produzieren noch mehr Abfall usw. usw. Also “no kids, no pollution”.

Entgegnet man, die Menschheit würde ja verschwinden, wenn alle so dächten, meint sie cool: “Es wird immer Dumme geben, die sich vermehren, um die Sklaven ihres eigenen Nachwuchs zu werden.”

Was meinen Sie? Sind No-Kidders Egoisten oder Realisten?

Kommentare

von: alam am: Dienstag, 11.01.2011

Wer keine Kinder haben will, muss auch nicht. Aber warum muss man die anderen gleich als dumm hinstellen?

Das Leben, auch das der Kinderlosen, fängt nun mal mit der Kindheit an. Also ist diese ganze Diskussion einfach nur absurd.

von: astrid am: Dienstag, 11.01.2011

Nein, das ist nicht absurd! Ich bin liebend gerne Mutter aber ich kann auch die andere Seite sehr gut verstehen. Dieser Druck und die Erwartungshaltung in der Gesellschaft gibts wirklich und es ist völlig logisch, dass das die Kinderlosen stresst. In den heutigen Zeiten wo praktisch jede Mutter auch berufstätig ist und Kind und Karriere haben will, finde ich es nur konsequent und richtig, dass es Frauen gibt die sich nur auf das Eine konzentrieren wollen. Ich gehöre zu den wenigen, die nur Mutter sein wollen, aber warum soll es nicht auch die anderen geben? Jedem das seine. Auch mir würde es gefallen, mich mit Frauen zu treffen, mit denen man nicht einen Satz über die Kinder redet. Es gibt schliesslich noch andere interssante Themen.

von: max am: Dienstag, 11.01.2011

Zuerst: Mädchen, die auf irgendetwas getrimmt werden, das gibt es nur in den paranoiden Phantasien von Emanzen und dann noch im poppig-modernen Journalistenslang.

Ich habe bisher nur Mädchen gesehen, die unbedingt wollten mit Puppen spielen, den Kinderwagen schieben....

Falls das hier die Begründung sein, soll, warum eine Frau keine Kinder haben will, dann bezeugt sie vor allem, wie unbeholfen sie ist, wie unerfahren, wie unbedarft. Vielleicht auch wurde sie nicht von ihren Eltern richtig erzogen und hat keine brauchbaren Vorbilder, wer weiss.

He nu, wie es richtige Männer machen, wenn ihr Kind durchstartet, das kann man in meinem eigenen Blog ein eindrückliches Vorbild nachlesen:

http://maxwort.wordpress.com/2011/01/09/der-zwerg-im-ohr/

von: max am: Dienstag, 11.01.2011

Dass ein Thema im Fernsehen nicht diskutiert wird, heisst noch lange nicht, dass es Tabu ist. Da nehmt Ihr Journalisten Euch wirklich zu wichtig.

Meistens werden Themen nicht diskutiert, weil sie alltäglich, normal, für jeden verständlich sind. Sie werden nicht diskutiert, wenn sie verbreitet sind, alle etwas angehen..

Genau darum kommen im Fernsehen die Transsexuellen 100 mal, die Hirnverletzten in derselben Zeit 2mal, die Chaoten vor dem Fussballstadion 200mal, die verantwortungsbewussten, selbstbewussten Schützen am Felschiessen 1mal oder gar nicht. So kommen Hundeclubs mit Agility-Training gar nie, beisswütige Pitbulls 1000mal...

von: Andrea Mordasini, Bern am: Mittwoch, 26.01.2011

Ehrlich gesagt verstehe ich die ganze Pro/Kontra-Kinderdiskussion nicht. Wir haben uns bewusst für Kinder entschieden so wie sich andere eben dagegen entschieden haben. So what, wo liegt das Problem. Es sollen doch alle so leben, wie es ihnen am besten gefällt. Mir käme es jedenfalls nicht in den Sinn, über Kinderlose herzuziehen, diese zu verurteilen und als Egoisten zu bezeichne. Genauso wenig belästige ich diese mit dummen Fragen, wann und obs endlich Nachwuchs gäbe. Es geht mich A schlichtweg nichts an und B weiss man ja nie, ob nicht eventuell eine ungewollte Kinderlosigkeit vorliegt. Also, in dem Fall einfach Leben und leben lassen, so einfach geht das :-)! Die Kinderfreien müssen einfach akzeptieren, dass die Kinder zu unserem Alltag und in unser Leben gehören so wie wir Eltern respektieren, dass die Kleinen nicht zwingend immer und überall gerne gesehen werden. Mit etwas mehr Toleranz, Rücksicht, Anstand, Verständnis, etwas mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander wird das Leben mit oder ohne Kinder entspannt, harmonisch und friedlich :-)!

von: Tamara am: Mittwoch, 22.02.2012

Ich verurteile niemanden und möchte auch ungern verurteilt werden. Leben und leben lassen. Wir haben zb. Drei kinder und so wunderbar die kleinen sind so unausstehbar können sie sein. Es hat IMMER alles zwei seiten. Carpe diem

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