Menschen im Babywahn

von: Nathalie Sassine-Hauptmann am: Donnerstag, 26.01.2012
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Frischgebackene Eltern haben nur ein Thema: Ihr Baby. Und das kann mitunter nerven.

Wohl der einzige Vater, der mit Babytrage cool aussieht: Brad Pitt mit Kindern.

Vor kurzem waren wir zum Abendessen eingeladen. Bei Menschen mit Kindern. Doch nicht alle Anwesenden hatten Nachwuchs, ein einziger, im Laufe des Abends wahrscheinlich auch einsamer Junggeselle war auch dabei. Der Bruder der Nachbarin der Gastgeberin, oder so ähnlich. Egal, auf jeden Fall sass ich neben ihm und bekam so mit, was dieser Abend für ihn bedeuten musste. Mein Gefühl sagte mir, dass er sich so vorkam wie ich damals, als ich inmitten Drogen einwerfender Beinahe-Männer sass, die überhaupt nicht verstehen wollten, wieso mich die Beschreibungen ihrer Halluzinationen so gar nicht interessierten.

Besagtem Junggesellen wurden keine Rauschzustände beschrieben, aber ein ähnlicher Wahnsinn: Babies. Denn frischgebackene Eltern sind auch auf Drogen, Babextasy. Eine Art Wahn. Mit entsprechenden Vorstellungen, wie beispielsweise, dass sie die ersten und einzigen mit Baby sind. Weshalb sie einem ja alles darüber – wirklich ALLES – erzählen müssen. 

Natürlich gehörte ich damals, als Frischgebackene, auch zu dieser Spezies. Mein Sohn war viel Süsser als alle anderen und seine Fortschritte faszinierten mich derart, dass ich alle damit belästigte. Doch heute sind die Kinder grösser und mir ist klar, dass sie genauso süss und klug sind wie die meisten anderen auch. Deshalb möchte ich jungen (oder werdenden) Eltern eine Liste mitgeben, mit den Dingen, die kinderlose Menschen nerven, damit sie gewisse Aussagen vielleicht in Zukunft vermeiden: 

  • Öffentliches Wickeln, bspw. am Nebentisch oder auf der Parkbank.
  • Väter mit Tragetüchern.
  • Das Profilfoto mit einem Babyfoto ersetzen.
  • Baby-Esoterik (Rosenquarz im Kinderzimmer etc.).
  • Gespräche über Stoffwindeln (und deren Inhalt), Muttermilch, Dammriss und Impfdebatte.
  • Väter, die ihr Kind der Mutter in die Arme drücken, sobald es darum geht, es zu füttern/wickeln/beruhigen.
  • Das Baby immer dabei haben müssen bzw. nur noch zuhause verabreden.
  • Fishing for compliments für das Baby, und dies meist nicht sehr diskret.
  • Eltern, die ihren Kleinen einen Sitzplatz überlassen, obwohl das Tram berstend voll ist.
  • Reinlichkeitswahn (Nuggi sterilisieren, Schuhe ausziehen).
  • Babysprache!

Und weil Eltern so viel über ihr Kind reden, hier ein paar Sätze, die Sie vermeiden sollten:

  • «Finn macht gerade eine total anhängliche Phase durch», denn diese Phase wird 18 Jahre andauern, wenn Sie nicht aufpassen!
  • «Können wir bitte um 18.00 Uhr essen, Eusebia braucht ihren festen Rhythmus.» Als ob das Baby mit Ihnen am Tisch sitzen müsste, während es seinen Brei schlürft...
  • «Ein Leben ohne Kinder können wir uns gar nicht mehr vorstellen». Das kommt schon wieder, keine Angst!
  • «Er isst jetzt Rüeblibrei, aber ich stille gleichzeitig noch.» Im Ernst, wen interessiert’s?
  • «Er macht Riesen-Gaggis, sag’ ich dir!» Siehe oben.
  • «Er ist sehr neugierig.» Und deshalb muss er auf mein iPhone sabbern?
  • «Halt doch bitte mal den Kleinen, während ich auf’s Klo gehe.» Nicht alle finden es toll, ein Baby im Arm zu haben, also erst abklären.
  • «Das wirst du schon noch verstehen, wenn du mal Kinder hast.» Der nervigste Satz aller Zeiten. Und wenn die Kinder dann da sind, denkt man GENAU DAS!

Den oben erwähnten Junggesellen habe ich übrigens gefragt, was er von all dem Babywahnsinn hält, er meinte nur: «Nach 10 Minuten habe ich aufgehört zuzuhören. Ach ja, und ich muss jetzt los, bin noch verabredet.»

Habe ich etwas vergessen? Was hat Sie damals gestört, als Sie noch keine Kinder hatten?

Kommentare

von: Sarina am: Donnerstag, 26.01.2012

Wieso sollen frischgebackene Eltern nicht (nur) von ihren Kinder reden???? Es gibt auch solche die haben nur die Arbeit im Kopf und kennen nur dieses Thema (kenne in meinem Bekanntenkreis auch solche). Oder dann gibt es welche, da dreht sich alles nur ums saufen und nix anderes. Mich hat das nie gestört wenn jemand nur ein Thema hatte. Entweder konnte ich mitreden oder dann habe ich versucht das Thema nach einer gewissen Zeit auf was anderes zu lenken. Wenn mich jemand als Person nicht interessiert, dann kann diese Person erzählen was sie will, es interessiert mich nicht. Wenn ich aber ein Gegenüber habe, der mich auch menschlich anspricht und ich gut reden kann mit dieser Person, dann ist es mir auch egal, wenn diese Person halt mal nur ein Thema hat "Baby, Arbeit, Ferien" oder was auch immer. Ich habe selber vier Kinder und viele Kontakte. Mit Kinderlosen spreche ich nicht nur über die Kinder, sondern will auch wissen, was mein Gegenüber so macht und erlebt.
Man sollte halt einfach allgemein sich auch für das gegenüber interssieren und nicht nur über sich selber quatschen. Dann kommt es schon gut.

von: evi am: Donnerstag, 26.01.2012

Also ich verstehe auch nicht, warum das eigene Kind immer Gesrächsthema Nummer eins sein muss. Menschen mit vielseitigen Interessen sind einfach interessanter. Und ja - auch menschen die nur über die Arbeit reden nerven. Nur darf man das offenbar offen sagen. Aber über notorische mein-Baby-ist-alles-menschen darf man sich offenbar nicht ärgern. Warum?

von: Katharina am: Donnerstag, 26.01.2012

Wer fragt, muss sich auch nicht wundern :-)

Ansonsten ist es halt schon so, dass die kleinen Menschen in den ersten paar Monaten wirklich sämtliche Hirnzellen mit Beschlag belegen, bis man sich als Erwachsene mal an das neue Leben gewöhnt hat. Die Ankunft eines Babys ist eine Zäsur, ça prend la tête!
Auch Jean-Jacques, der sich einen Autotraum erfüllt hat und Bernadette, die neuerdings einen jungen Hund hat, sprechen nur über diese Neuigkeiten in ihrem Leben. Das nervt nicht mehr und nicht weniger und legt sich mit der Zeit auch wieder. Lasst doch Neueltern ihre Freude ;-)

von: alam am: Donnerstag, 26.01.2012

Mich nerven die mehr, die ach so unkomplizierte Kinder haben und nebenbei genau gleich weiterleben können wie zuvor.

von: Andrea Mordasini, Bern am: Sonntag, 29.01.2012

Traurig, dass immer wieder gegen uns Mütter geschossen wird! Nun wird uns also auch ein Riegel geschoben, wenn wir uns über unseren Alltag, unsere Gefühle, unser Glück oder unsere Probleme austauschen möchten… Das Muttersein ist nun mal unser Alltag und unser Leben genauso wie es das Berufsleben für die Kinderlosen ist. Und wie Kinderlose über ihre Probleme und Anliegen sprechen dürfen, so soll es auch Eltern dürfen. Nur weil wir nun Mütter/Väter sind, kennen wir nicht bloss das Thema Kinder – wir sind ja schliesslich weder blöd noch einfältig! Ich habe Glück, dass drei meiner besten Freundinnen zwar kinderlos, aber sehr kinderfreundlich und an meinem jetzigen Leben mit den Kindern interessiert sind. Und wie sie mir zuhören, so interessiere ich mich für ihre Alltagsprobleme. Die Kontakte zu Kinderlosen sind für mich genauso bereichernd wie jene zu anderen Müttern. Dass ich mit Kinderfreien nicht dieselben Probleme berede wie mit Müttern gleichaltriger Kinder ist ja wohl selbstverständlich, da gehört halt auch etwas gesunder Menschenverstand mit dazu. Es ist doch wie überall wie im Leben ein Geben und ein Nehmen. Mit etwas mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander, etwas mehr Toleranz, Rücksicht, Verständnis, Lockerheit und Respekt auf Seiten der Eltern und der Kinderlosen sollte einem friedlichen und entspannten Zusammenlegen eigenlich nichts mehr im Wege stehen :)!

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