Mütterliches Burnout
von: Nathalie Sassine am: Dienstag, 15.03.2011
Manchmal ist der Babyblues erst der Anfang.

Burnout zwischen Windeln und Schoppen.
Erinnern Sie sich an diese unerklärlichen Tränen, die am Tag nach der Geburt nicht aufhören wollten zu fliessen? Sie nennen es den Babyblues. Die schlimmere Variante – die postpartale Depression – erkennt man unter anderem an einem totalen Mangel an Energie, einer unerklärlichen Traurigkeit angesichts des neuen Familienglücks oder auch an a priori grundlosen Schuldgefühlen. Diese zwei Diagnosen sind gesellschaftlich anerkannt und können behandelt werden.
Doch wie sieht es mit den Müttern aus, deren Kinder schon keine Säuglinge mehr sind und bei denen sich Gefühle wie oben beschrieben schleichend bemerkbar machen? «Manchmal kann ich nicht mehr, da wünsche ich mir, gar keine Kinder zu haben.» Stéphanie Allenou, dreifache Mutter sechsjähriger Zwillinge und einer achtjährigen Tochter, erzählt in ihrem Buch «Mère épuisée»(«Erschöpfte Mutter») ihre ersten drei Jahre als Mutter. Gebären, stillen, schlaflose Nächte, endlose Tage und diese Einsamkeit, die sich langsam einstellt.
Die Autorin wagt es, Dinge auszusprechen, die viele Frauen denken, aber nie laut sagen würden. Denn es findet sich immer jemand im Umfeld, der totales Unverständnis zeigen wird und den Hilferuf mit einem «Was willst du denn? Du hast doch tolle Kinder?» abtut.
Schliesslich können die täglichen, kleinen und grossen Hindernisse, die eine Mutter bewältigen muss, der Alltag, den es zu meistern gilt, kein Grund sein, alles hinschmeissen zu wollen! «Wenn du einen richtigen Beruf hättest, könntest du vielleicht besser mit Stress umgehen.» Das musste sich die eine oder andere vielleicht auch schon anhören. Doch jede Mutter kennt die Verzweiflung, die einen mitunter befällt, wenn der wichtige Termin wegen Krankheit der Kinder verschoben werden muss. Wenn sich die Kleine wieder ausgezogen hat, kurz bevor man das Haus verlassen will. Wenn die Kinder zum tausendsten Mal wegen dieser bescheuerten Nanos heulend aufeinander losgehen.
In ihrem Buch begleiten wir die Autorin auf ihrem Abstieg in die Hölle. «Eine dumpfe Beklommenheit steigt langsam in mir auf. Ich versuche, meine innere Wut zu beherrschen, doch sie wächst weiter und ich explodiere immer öfter. Ich schreie. Immer lauter. Schlagen wird alltäglich, auf den Hintern, manchmal auch ins Gesicht. Die Beziehung zu meinen Kindern ist missbräuchlich geworden.» schreibt die Autorin mit einer erschreckenden Ehrlichkeit.
Diese beschriebene Erschöpfung ist dieselbe, die man vom beruflichen Burnout kennt: Die Person versucht, ihre Aufgabe perfekt zu meistern. Der Stress ist vorprogrammiert. Das Scheitern ebenso.
Die Väter indes scheinen in dieser Diskussion inexistent. «Die meisten Väter haben noch nie einen einzigen Tag alleine – wirklich alleine, und nicht bei ihrer Mutter(!) – mit den Kindern verbracht. Und wenn, dann hat die Frau schon vorgekocht, eingekauft und geputzt, damit Papi einfach Papi sein kann. Männer haben deshalb Mühe, ihre Frauen zu verstehen, wenn sie sie abends mit ungewaschenen Haaren, immer noch im Pyjama empfangen und der Staubsauger seit drei Tagen am selben Ort steht.»
Mit ihrem Buch möchte sie andere Mütter ermuntern, sich helfen zu lassen. «Die Einsamkeit muss durchbrochen werden. Sobald diese Frauen merken, dass jemand zuhört, sie ernst nimmt und im besten Fall, dass sie nicht alleine sind, können sie aufatmen und ein Stück weit dieses Bild der idealen Mutter loslassen.»
Jede Mutter will eine gute Mutter sein. Wir alle haben gewisse Vorstellungen, die von Guetzli backen bis «mein Kind vor allem Bösen schützen» so ziemlich jede Facette abdecken. Aber perfekt sein? Geht das überhaupt? Ich würde sagen, nein. Nicht als Mutter. Die perfekte Mutter hört nämlich dann auf, perfekt zu sein, wenn ihre Kinder ihr eben diese Perfektion vorwerfen, weil sie fast nicht auszuhalten ist. Perfektion ist eine Illusion. Oder nicht?
Überforderung, Verzweiflung, physische und psychische Erschöpfung. Sehr bekannt und aktuell.
Perfektion? Das kann ein Treiber sein. Doch nach Largo ist schon die gewöhnliche Kleinfamilie überfordert. Fehlen entlastende Grosseltern, dann sieht es nochmals übler aus, denn Krippen kosten und hüten nur gesunde Kinder.
Vielleicht spielen auch früher erlernte Krisenbewältigungsmuster eine Rolle, die in der Kleinkindkrise versagen. Doch woher in dieser Zeit von 24h-Präsenz die Zeit für Reflexion und Veränderungen nehmen?
Die Väter sind nicht inexistent. Sie leiden mit, sie lieben ihre Frau, möchten sie entlasten, aber haben beschränkte Möglichkeiten und überfordern sich selbst immer mehr. Letztlich sind sie Angehörige von (Erschöpfungs-)Depressiven, mit massiv reduzierter Lebensqualität und hohem Risiko, selbst depressiv zu werden. Ständig im Kampf darum, die Frau möglichst vor dem Zusammenbruch zu bewahren, in der Angst vor dem Komplettabsturz der Familie.
Hilfe gibt es in Form von Beratungsstellen, die zu Entlastung raten, ohne dass sie konkret sagen können, welche und wie sie finanziert werden soll. Dann gibt es halt Medikamente statt Entlastung.
Grundsätzlich sind andere Menschen meist eh nicht besonders interessiert daran, wenn es jemandem wirklich nicht gut geht. Das ist nicht attraktiv, Umgang mit "Losern" erhöht den Sozialstatus nicht. Denn es ist doch keine Krankheit wie ein offensichtlich die Leistungsfähigkeit einschränkender Beinbruch, sondern es fehlt doch nur an Wille oder Durchhaltefähigkeit. Oder man hätte besser im Voraus wissend kein Kind haben sollen, wenn man nicht genug Kraft oder genug Ressourcen/Umfeldunterstützung hat. Selber schuld. Failed in der Leistungsgesellschaft, wo man mindestens so tun muss, als wäre alles eitel Sonnenschein.
Wünsche allen, die auch diesen Kampf in der Tabu-Zone führen viel Kraft!
Bevor von einer Depression gesprochen werden sollte, gehört für mich eine medizinische Abklärung. Immer wieder fehlt es an so elementaren Stoffen wie Eisen, Vitamin D oder B12. Aber selbst die Messung des Speichereisens (Ferritin) ist noch nicht etabliert, Vitamin D-Spiegel (25-OHD) schon gar nicht. Eine Schwangere ist noch rudimentär in Kontrolle, was nach der Geburt ist, interessiert die Medizin kaum, denn das Kind ist ja da, Auftrag erledigt. Da ist sehr viel ungenutztes Potential vorhanden (Vitalstoffe lassen sich nicht patentieren!), um riesiges Leid abzufedern, bevor das Ganze in die "Psycho-Ecke" verbannt wird, wo es wahnsinnig oft einfach nicht hingehört! Und wenn, dann kann ich "Emotionelle erste Hilfe" nur empfehlen, neben Kinesiologie bei Eltern mit älteren Kindern. Aber dann für die eigene Befindlichkeit und Perspektive und nicht das Kind als Vorwand nehmen...