Neun Monate lang alles richtig machen
von: Nathalie Sassine am: Freitag, 08.10.2010
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Neue Studien und Bücher stellen schwangere Frauen vor die Frage: Was darf ich eigentlich noch?

Drink or no drink, that is the question!
Es ist immer wieder spannend, wie sich sogenannte "Experten" in derselben Woche über dasselbe Thema widersprechen können. Eine am Dienstag publizierte Studie im Journal of Epidemiology and Community Health versichert uns, dass ein paar Drinks in der Schwangerschaft nicht schaden. Tests ergaben, dass Kinder von "wenig drinkenden" Frauen - will heissen, ein bis zwei Drinks pro Woche, wobei "Drink" nicht genauer definiert wird - keine Defizite anderen gegenüber hätten, deren Mütter während der Schwangerschaft überhaupt keinen Alkohol getrunken haben. Bei den kognitiven Tests schnitten die "alkoholisierten" Kinder sogar besser ab! Was jetzt? Was darf oder darf eine schwangere Frau nicht?
Bis anhin galt die Antithese, Fett, CO2, Feinstaub, Zucker, Kaffee, Nikotin, Sonne seien während der Schwangerschaft weitgehend VERBOTEN! Nicht immer, aber während mindestens jener neun Monate, in denen sich ein Embrio zum Fötus entwickelt. Kinderdiabetes, Fettsucht, chronische Depressionen und Herzkrankheiten entstehen nämlich bereits im Mutterbauch. Von der neuen Studie wusste die Autorin Annie Murphy Paul wohl auch noch nichts, als sie mit ihrem Buch „Origins: How the Nine Months Before Birth Shape the Rest of our Lives Schwangere in Amerika ins Visier nahm. Der Titel ist Programm: Alles, was die schwangere Frau während ihrer Schwangerschaft tut, isst, raucht, einatmet und bewegt, wird das Leben ihres Kindes formen. Und zwar sein ganzes Leben. Beängstigend, nicht?
Wir konnten uns in den letzten vierzig Jahren mehr oder weniger mit den Männern einigen, dass sie uns gewisse Aufgaben abnehmen, wie abzuwaschen, unsere Babies zu wickeln und sogar zwischendurch zu kochen. Doch das eine werden sie uns nie abnehmen können. Schwanger werden immer noch wir, die Zellteilung findet in unserem Bauch statt, also sind wir verantwortlich dafür, keinen Mist zu bauen. Meine Damen, der Druck steigt. Wir wussten bereits, dass Nikotin und Alkohol unserem Ungeborenen schaden, weshalb die meisten von uns das Trinken und Rauchen während der Schwangerschaft sein liessen. Doch präsentiert uns die Autorin von "Origins" Studien, die beweisen wollen, wie viele andere Umstände im Uterus die Gesundheit des späteren Erwachsenen beeinträchtigen können.
Die wissenschaftliche Autorin Murphy Paul hat zur Illustration dieser Behauptung auch gleich ein paar erschreckende Beispiele zur Hand: Schwangere Frauen, die am 11. September 2001 nahe der Twin Towers standen, gebärten Babies mit einem niedrigen Cortisolgehalt im Blut. Cortisol ist ein Hormon, das stressregulierend wirkt. Bei depressiven Schwangeren sind Frühchen mit geringem Körpergewicht eher wahrscheinlich. Solche Beispiele sollen aufzeigen, dass die DNA eines Menschen lediglich als Vorlage dient. Das eigentliche Dokument wird dann jedoch von der Umwelt geschrieben. Der Uterus ist demnach das allerste „Umfeld“ eines Menschen, das ihn prägt, sowohl mit Mozart, als auch mit Verkehrslärm.
Diese Diskussion ist eigentlich nichts Neues. Die Ernährung einer Schwangeren ist schon lange im Visier der Gesellschaft und der Supermamis, die genau wissen, was uns und unserem Baby gut tut. Neu daran ist lediglich die Erkenntnis, dass frau langsam das Gefühl hat, sie könne tun und lassen, was sie will, sie wird ihrem Ungeborenen so oder so schaden.
Die konkreten Tipps der Autorin im Salon-Interview sind entsprechend keine grossen Hilfen: Esst: Quecksilberarmen Fisch und Schokolade, bewegt euch, denn es ist auch Fitness für den Fötus und vor allem: Lebt stressarm! Doch viele empfinden gerade diese ganzen Vorschriften und Tipps in der einschlägigen Literatur als extrem stressig. Sobald der Schwangerschaftstest die zwei blauen Striche anzeigt, wird jede werdende Mutter etwas neurotisch und fragt sich, ob sie auch alles richtig macht. Sie reagiert gestresst.
Wenigstens sagt die Autorin im Interview selber man dürfe die Verantwortung nicht alleine den Müttern überlassen. Schliesslich hätten diese keinen direkten Einfluss auf die Luft-, Wasser- und Nahrungsmittelqualität, natürliche Katastrophen oder die Belastung durch giftige Chemikalien. Vielmehr sollten wir uns als Gesellschaft überlegen, wie wir diesen Föten ein sicheres Zuhause erschaffen können. Sie ist überzeugt, auf diese Weise die öffentliche Gesundheit zu verbessern und das Allgemeinwohl zu steigern.
Auch müssten wir uns überlegen, so Annie Murphy Paul weiter, wie wir schwangere Frauen in Zukunft behandeln wollen. Jede Schwangere wurde mindestens einmal mit einem Mitmenschen konfrontiert, der einen guten Ratschlag auf Lager hatte. Als würde schwangeren Frauen das Recht abgesprochen werden, selber zu denken und zu entscheiden. Ob im Job, unter Freunden oder in der Familie: Jeder denkt, er wisse, wie sich die Frau neun Monate lang zu benehmen habe oder was sie essen dürfe.
Mich hat einmal eine junge (mir vollkommen unbekannte) Dame beim Apéro gefragt, ob ich denn nicht schwanger sei. Ihr Blick blieb während des Gesprächs an meinem Prosecco-Glas haften. Hierzu muss ich sagen, dass meine beiden Schwangerschaften ab dem dritten Monat unübersehbar waren und ihre Frage offensichtlich rein rhetorischer Natur war, denn nach dem Prosecco-Glas schmeichelte sie meinem riesigen runden Bauch mit ihrem besserwisserischen Blick. Mein – zugegeben etwas maschinengewehrhaft geschossenes „Ja, wieso?“ – erwiderte sie mit einer weiteren Gegenfrage „Du trinkst also öfter?“. Ich brauche hier wohl kaum zu erläutern, wohin ich ihr das Proseccoglas am liebsten gesteckt hätte. Meine beiden Kinder sind übrigens vollkommen gesund und scheinen bis jetzt keine sonderlichen kognitiven oder sozialen Probleme aufzuweisen, weshalb ich eher besagter Studie als Murphy Pauls Buch glauben will. Cheers!
Was denken Sie? Steigt der Druck auf schwangere Frauen? Oder sollten diese einfach so leben, wie es ihnen passt, es ist schliesslich ihr Kind?
Ein äusserst Komplexes Thema, das dann wieder zum Aufbauen von Schuldkomplexen, gesellschaftlichen Gruppendruck und Einmischung missbraucht wird.
Die Erforschung fötaler Ursprünge ist noch sehr jung, aber sie wird letztlich der genetischen Forschung dienen, weil vergleichende Forschung dann erst den Einfluss der DNA eindeutig von anderen Einflüssen trennen kann.
Sie wird auch ein Licht darauf zu werfen helfen, wie Emotionen, Ausschüttung von Hormonen und deren Rückwirkungen auf die Entwicklung des zentralen Nervensystems (über den Einfluss auf das zentrale Nervensystem des Kindes) zusammenhängen und -wirken.
Dass solche Einflussmechanismen bestehen, davon bin ich überzeugt.
Ob diese Forschung den Einfluss auf Intelligenz und komplexe psychische Zustände erhellen kann, bezweifle ich. Dies wird erst möglich sein, wenn kognitive Vorgänge numerisch exakt gemessen werden können. Zur Messung von Bewusstsein gibt es erste Ansätze: “http://www.nytimes.com/2010/09/21/science/21consciousness.html”
Es ist also viel zu früh, daraus ein Recht der Gesellschaft auf den Fötus zu definieren. Weshalb Menschen ‘öffentliches Interesse’ ständig als Vorwand benutzen, ihre eigene Lust an der Kontrolle anderer Menschen zu frönen, ist ein anderes Thema. Das ein jungfräuliches Forschungsgebiet als Pseudoargumentation missbraucht wird, ist nur Indiz für eine faschistoide Gesellschaft. Es sind aber die altbekannten Muster.
Umgekehrt jedoch kann gesagt werden, dass eine Obliegenheit besteht, möglichst gute Bedingungen für Schwangere zu schaffen. Dies fällt aber in die schon bestehende gesellschaftliche Pflicht des Schutzes des Kindes und den daraus entstandenen Gesetzen des Familienrechtes.
Die Erforschung fötaler Ursprünge , so kann gehofft werden, wird sachliche Argumente liefern können, welche Faktoren für eine optimale Schwangerschaft wichtig sind und die entsprechenden gesellschaftlichen Maßnahmen veranlassen helfen. Schlussendlich ein wichtiger Grund, dass wissenschaftliche Forschung betrieben wird – um eine Gesellschaftsordnung aus wissenschaftlichen Fakten heraus zu definieren, statt über immer ambivalent bleibende Ideologien und Glaubensbekenntnisse.
p.s. Dies ist ein re-post aus dem Mamablog, wo die gleiche Studie und Diskussion am Mittwoch eroertert wurde.
@Katharina: Ja - Einflussmechanismen gibt es ganz bestimmt. Aber was mich beschäftigt, ist der Optimierungsgedanke in dieser ganzen Debatte. All diese Studien führen letztlich dazu, dass werdenede Mütter das Gefühl haben oder das Gefühl diktiert bekommen, dass sie ihr Ungeborenes optimieren können, wenn sie sich nur richtig verhalten. Ist das Kind dann nciht ganz Perfekt - kommt der Umkehrschluss: Was habe ich falsch gemacht? Es ist ja heute schon so udn mit Studien bewiesen, dass Frauen mit behinderten Kindern in der Öffentlichkeit oft anecken: War das denn nötig?
Die machbarkeit führt immer dazu, dass auch gemacht wird. Seien das chromosomenoptimierte Kinder, sei das die Geschlechterselektion.
Grundsätzlich glaube ich auch nicht, dass irgendwelche Leute was zu meiner Schwangerschaft zu sagen haben. Wenn ich jetzt aber eine Schwangere sehen würde, die bspw. raucht, müsste ich auch eingreifen und ihr verklickern, was sie da ihrem Kind antut. Ob so eine Mutter werden sollte, ist sowieso fraglich, wenn sie es nicht mal schafft, während neun Monate auf etwas zu verzichten. Aber eben, für Hunde braucht man eine Bewilligung, für Kinder nicht.
Alles im Mass ist erlaubt. Aber verantworten muss es in letzter Konsequenz die Schwangere selbst. Ich habe nicht auf alles verzichtet, konnte es durchaus verantworten, abundzu ein Glas Wein zu trinken. Meine Kinder wogen beide an die 4kg und sind gesund und stark. Ich wüsste aus medizinischer Sicht auch nicht, was dagegen spricht. Die Zero-Toleranz-Strömung mag viele Mütter haben. Die Fundis von der La Leche League, die Angst, dass Schwangere einen Drink die Woche als eine Flasche Vodka am Tag interpretieren, die Einstellung, Schwangere sind allgemeingut und dumm? Ich weiss es nicht....
Es gilt auch hier, wie sonst überall: wer sehr dünnhäutig ist, der fühlt sich bevormundet und nervt sich ab einem solchen Kommentar. Eine selbstbewusste und starke Frau steht da drüber, lächelt milde, gibt ne witzige Antwort oder sonst was. Es gibt in dieser Welt 1000 verschiedene Ansätze, wie ein "richtiges" Leben auszusehen habe, warum sollten Schwangere hiervon ausgenommen sein?