Schwangerschafts-Schau

von: Nicole Althaus am: Montag, 22.11.2010
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Schwangere kranken an einer neuen Form des Exhibitionismus. Wächst der Bauch, fallen die Hüllen. Was sollen diese Reproduktions-Feierlichkeiten?

Rund und nackt: Schiffer und Kerr zelebrieren die Schwangerschaft.

Es ist rufschädigend ausser in der Schwangerschaft: Sich für ein Covershooting auszuziehen und splitterfasernackt ablichten zu lassen. Nur ein Händchen vor Brust und Scham. Oder gar nichts. Die gepflegten Händchen verworfen hätten Miranda Kerr, Claudia Schiffer und Heidi Klum, wie sich das für richtige Damen gehört, hätte man von ihnen verlangt, die Hüllen fallen zu lassen für einen Vogue- oder W-Titel, als sie schlank und rank waren. 1991 noch taugte das Profilbild der hochschwangeren Demi Moore auf «Vanity Fair» zum Skandal – heute ist der Händchen-verdeckt-Milchbrust-und Scham-Shot, den die Schauspielerin verewigt hat, zur Ikonographie des postmodernen Reproduktionskult geworden. Der Babybauch verwandelt den Akt vom anrüchigen No-go in ein Must. Wer was auf sich hält, lässt die Hüllen fallen, sobald der Bauch sich rundet. Und wenn es nur ist, um den Gerüchten vorzubeugen, die der Karriere postpartem schaden könnten: Dass hässliche Schwangerschaftsstreifen oder entstellende Krampfadern an der mangelnden Vorzeigelust schuld sein könnten.

Und so gibt sich plötzlich eine ganze Generation an gutverdienenden und emanzipierten Frauen einer neuen Form des Exhibitionismus hin: der Schwangerschafts-Schaulust. Die einen ziehen sich aus, die anderen verzehren sich nach den Close-ups von schweren Brüsten und prallen Bäuchen. Im Netz kursieren neuerdings private Filme von wachsenden Schwangerschaftsbäuchen im Zeitraffer. Hinz und Kunz wollen ihre reproduktive Potenz verewigen. Die Babybauch-Inszenierung ist zu einem ganzen Wirtschaftszweig herangewachsen: Fotografen, Maler und neuerdings sogar Spitäler mischen im neuen Genre mit: Diese Woche etwa lockt die Privatklinik-Betanien mit «Kunst am Bauch» zum Besuch der neuen Gebärabteilung und verspricht in einem Inserat im «Tages-Anzeiger» alle vergänglichen Babybäuche in Gips für die Wohnzimmerwand zu retten.

Zwar ist der unstillbaren Appetit der Menschheit nach voyeuristischen Häppchen nicht neu:  News von Verlobungen, Traumhochzeiten, Scheidungen erfreuen sich hoher Einschaltquoten. Vom verzweifelten Ringen um einen Thronfolger Heinrich des VIII im 16. Jahrhundert bis hin zur Geburt von Shilo Jolie-Pitt, der Tochter des angeblich schönsten Paares der Welt – die Replikation des Genmaterials der Mächtigen, Reichen und Schönen hat schon immer unsere kollektive Fantasie beflügelt. Schwangerschaft war stets eine willkommene Neuigkeit, allerdings nie zuvor eine Schau. So weit weg nämlich sind die Zeiten nicht, in der weder Männer noch Kameras in den Kreissaal gehörten, in der die anderen Umstände verhüllt, nicht enthüllt wurden. Bilder von nackten schwangeren Frauen waren bis in dei 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts ein Tabu in der westlichen Kunstgeschichte. Erst Alice Neel hat den Babybauch von seiner Schamhaftigkeit befreit.

Und erst die Emanzipation der Frau von der Ausschliesslichkeit der Mutterrolle hat zur Omnipräsenz der Babybäuche geführt. Es ist geradezu paradox:  Je erfolgreichter, unabhängiger und mächtiger die Frau wird, desto stärker wird ihre reproduktive Potenz gefeiert. Desto näher fährt die mediale Kamera als öffentliches Auge an Bauch, Po und Busen heran. Kein Detail, das sich im Magen einer prominenten Schwangeren befindet, bleibt der Allgemeinheit erspart. Nichts, das im aufgedunsenen Köpfchen der Stars vorgeht, bleibt uns verborgen: Wir erfahren das Gwyneth Paltrow kein Sushi gegessen hat, dafür viel Gemüse; wir wissen, dass Klum unter Vergesslichkeit litt und Sportlerin Edith Hunkeler weder Übelkeit noch exotische Gelüste verspürte. Was für interessante Fakten!

Was für eine Reduktion aber auch der Frau auf ihre sexuelle Rolle und ihre gesellschaftliche Aufgabe! Seht her – die Klum und die Kerr – die verdienen zwar viel Geld, sie sind letztlich aber auch nur Weibchen, die sich fortpflanzen. Was die Damen dann ins Mikrofon jubilieren dürfen, wenn das Baby erst mal da ist, hat eben erst Topmodel Giselle Bündchen vorbuchstabiert: «Noch nie zuvor hat mich eine Leistung, die ich vollbracht habe, so befriedigt, wie die Geburt. Noch nie habe ich mich so vollständig und stark gefühlt.» 

Wunderbar für Bündchen – aber ist dieser öffentlich zelebrierte Reproduktionskult auch so wunderbar für all die Frauen, die keine Kinder haben wollen oder können?

Kommentare

von: hannah am: Montag, 22.11.2010

Guter Post - Mit geht dieses ganze Promi-Bauch-Feiern auch auf den Geist. Es ist ja auch wahnsinnig einfach, Kinder auf die Welt zu stellen, wenn man während und nach der Schwangerschaft von zig Angestellten bedient und verhätschelt wird. Klum und Co. bringt bestimmt niemand um ihren Schönheitsschlaf - auch nicht Baby!

von: Nath am: Montag, 22.11.2010

Das ist aber nicht nur bei Promis so. All die Gips-Bäuche und Sessions mit nackter Familie beim Fotografen finde ich genauso selbstvoyeuristisch. Wofür sonst hänge ich mir meinen Schwangerschaftsstreifen-geplagten Bauch an die Wand?

Die Celebs haben einfach noch weitere Kanäle, um sich zu beweisen, dass sie tolle Mütter sind, weil sie ihren Nachwuchs sogar schon vor seiner Geburt feiern. Dass ein Baby jedoch nur für die eigenen Eltern wirklich interessant ist, scheinen auch Klum&Co noch nicht begriffen zu haben.

von: Auguste am: Montag, 22.11.2010

hmm..., der hinweis der hausherrin: "der bauch hängt im wohnzimmer rum..." könnte auch etwas abschätzig rüberkommen.

von: Katharina am: Montag, 22.11.2010

oh poo poo. Die petit bourgeois bemaekeln aus neid die celebrities.

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