Tigermütter vs. Kuschelmamis

von: Nathalie Sassine am: Freitag, 28.01.2011
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Stehen wir westlichen Mütter unseren Kindern im Weg? Eine chinesische Mutter ist davon überzeugt.

Sind gedrillte Kinder am Ende doch glücklicher? Amy Chua ist davon überzeugt.

In letzter Zeit überlege ich mir oft, was mein kleiner Grosser an ausserschulischen Tätigkeiten unternehmen könnte. Er ist musikalisch begabt und möchte Gitarre spielen, für den entsprechenden Kurs ist er aber noch zu jung. Er spielt gerne Theater und Fussball und seit dem animierten Panda glaubt er, ein grosser Kung Fu Meister zu sein.

Nun habe ich ehrlich gesagt keine Lust, jedes Wochenende bei jedem Wetter auf dem Fussballfeld zu verbringen, das fällt also weg. Und für meinen Vorschlag, Theater- oder Kung Fu –Stunden zu nehmen, konnte ich ihn nicht wirklich begeistern. Er tut die Dinge zwar gerne, aber richtig „lernen“ will er sie nicht, das wäre ja mit Arbeit verbunden. Er ist sechseinhalb Jahre alt. Ich würde sagen, er hat noch Zeit. Amy Chua ist da ganz anderer Meinung.

Kennen Sie Amy Chua? Sie ist zur Zeit der personfizierte Satan in Sachen Erziehung, der Antichrist der Kuschelpädagogen, zumindest in den USA. Das Wall Street Journal publizierte vor zwei Wochen einen Auszug aus ihrem Buch "Battle Hymn of the Tiger Mother", in dem sie sich über den Unterschied chinesischer und westlicher Mütter Gedanken macht. Diese Mutter zweier Töchter spricht aus Erfahrung, denn gleich zu anfang des Artikels, zählt sie auf, was ihre Töchter alles NICHT durften.

• Bei einer Freundin übernachten oder mit ihr spielen

• Im Schultheater mitmachen

• Fernsehen oder Computer-Games spielen

• Ihre eigenen ausserschulischen Fächer wählen

• Nicht in in jedem Schulfach die Besten sein

• Ein anderes Instrument als Klavier oder Geige zu spielen

Unnötig zu betonen, dass der Artikel vehemente Reaktionen ausgelöst hat. Innerhalb weniger Tage kommentierten über 5'000 Leser den Artikel und das Buch schoss auf Platz 4 der Amazon Bestseller-Liste.

Der letzten Pisa-Studie nach zu urteilen, hat Amy Chua mit ihrem strikten Regime Erfolg. Die Chinesen sind im internationalen Vergleich auf Spitzenreiter, während es die Schweiz gerade mal ins obere Drittel geschafft hat. Was also machen wir falsch?

Gemäss der Yale-Professorin Chua besteht der Unterschied massgeblich in drei Punkten:

 

Nummer 1

Westliche Eltern scheinen sehr besorgt um die Selbstachtung ihrer Kinder, sie machen sich Sorgen, wie sich ihre Kinder fühlen werden, sollte ihnen etwas nicht gelingen. Deshalb sagen sie ihnen dauernd wie gut sie sind und dass es kein Problem darstellt, lediglich Mittelmass zu sein. Chinesische Eltern hingegen gehen einfach davon aus, dass ihre Kinder stark und fähig sind. Sie verlangen perfekte Noten, weil sie an ihre Kinder glauben.

Hoppla! Irgendwie  fühle ich mich ertappt. Ich würde meinem Sohn nie etwas aufzwingen, schon gar nicht ein sogenanntes Hobby! Wenn er seine Rechenaufgabe nicht perfekt gelöst hat, will ich sogar, dass die Lehrerin das sieht, damit sie ihm helfen kann, einen für ihn richtigen Weg zu finden, um zur  Lösung zu kommen. Glaube ich deshalb nicht genug an ihn?

 

Nummer 2

Chinesische Eltern glauben, ihre Kinder schulden ihnen alles. Wieso das so ist, weiss sie nicht genau, aber chinesische Kinder sollen ihr Leben damit verbringen, Schuld zu tilgen, indem sie ihren Eltern gehorchen und sie stolz machen.

Nein, das glaube ich westliche Mutter tatsächlich kein bisschen. Natürlich halte ich meine Kinder für undankbar, wenn sie im Abendessen herumstochern, dass ich liebevoll für sie zubereitet habe. Oder wenn sie mich „blöd“ finden, wenn ich ihnen bei -10°Celsius kein Glace kaufen will. Aber ich hatte nie das Gefühl, sie schulden mir etwas. Sie sollen mir gehorchen, denn das nennt man Erziehung. Stolz machen sie mich einfach so, sie tun es nicht mit Absicht. Oder noch nicht.

 

Nummer 3

Chinesische Eltern glauben zu wissen, was das Richtige für ihre Kinder ist, weshalb sie deren eigene Wünsche und Vorlieben vollkommen ignorieren. Deshalb dürfen chinesische Töchter keinen Freund haben und schon gar nicht ins Sommerlager mitgehen.

Aus dem Bauch heraus würde ich Punkt Nummer 3 als extrem kontraproduktiv qualifizieren. Machen Teenager nicht umso mehr Blödsinn, wenn man es ihnen verbietet? Insbesondere, wenn alle anderen dürfen?

 

Amy Chua schliesst mit der Feststellung, dass Selbstachtung eben dadurch vernichtet wird, dass man dem Kind erlaubt, aufzugeben. Dass nichts so viel Selbstvertrauen gibt, wie etwas zu erreichen, von dem man anfangs dachte, man könne es nie und nimmer. Als Beispiel erzählt sie die Geschichte ihrer Tochter, die ein Klavierstück nicht spielen konnte. Sie, die Mutter, hat ihr so lange gedroht und sie so lange nicht vom Klavier aufstehen lassen, bis sie es konnte. Danach war ihre Tochter glücklich und die Mutter natürlich auch. Happy Ending!

Nun bin ich keine Mutter, die glaubt zu wissen, wie man ein Kind am besten erzieht. Und bis ich den Auszug las, dachte ich, ich hätte eine gute Mischung aus strikt und liebevoll. Heute frage ich mich jedoch, ob Frau Chua nicht doch ein bisschen recht hat.

Wir westlichen Eltern verweichlichen unsere Kinder vielleicht wirklich! Daran, dass Lehrer heute keine Respektspersonen mehr sind, sind grösstenteils wir Eltern schuld. Wir wollen unsere Kinder nicht überfordern, damit sie die Lust am Lernen nicht verlieren. Und wenn sie diese Lust gar nie kennenlernen, weil ihnen mit unserem Verhalten auch nie etwas gelingen will? Motivieren wir unsere Kinder genug? Reicht es, ihnen zu sagen, es genüge, wenn sie ihr Bestes geben, sie müssten aber nicht die Besten sein? Bereiten wir sie genug auf die harte Zukunft vor?

Ich weiss nicht, was besser ist, wahrscheinlich wie immer ein Mittelweg: Eine harte Hand, die eine gewisse Individualität respektiert. Was mir im Artikel aus dem Wall Street Journal jedoch gänzlich fehlt, ist die Kindheit und die damit einhergehende Freiheit, die chinesischen Kindern irgendwie nicht gewährt wird. Oder irre ich mich?

Kommentare

von: Eni am: Freitag, 28.01.2011

Dass man ausgerechnet eine chinesiche Mutter als Beispiel für gute Erziehung nimmt ist ein Witz. Chinesen werden zu Robotern erzogen ohne selbständiges Denken und Handeln. Sie sind dazu da, dem Statt zu dienen, wenn nötig in Bergwerken zu verrecken oder 16 Stunden in Fabriken zu arbeiten bis zum Umfallen.

An diesem menschenverachtendem Vorgehen kann ich nichts positives abgewinnen, es ist entwürdigend.

von: max am: Sonntag, 30.01.2011

Mich lässt das ein wenig ratlos zurück. Die Frau ist ganz offensichtlich US-Bürgerin, lebt in den USA und hat dort ein Buch veröffentlicht....

Was daran chinesisch sein soll, kann ich nicht erkennen.

von: Andrea Mordasini, Bern am: Samstag, 05.02.2011

Als Mutter zweier Kleinkinder bin ich geschockt über die Aussagen der Tiger-Mutter Amy Chua! Ihre beiden Töchter tun mir sehr leid, erleben sie doch anstelle von Liebe und Wärme vor allem Zwang und Strenge. Ich glaube kaum, dass sie wirklich Kinder sein durften, das stimmt mich sehr traurig. Einem kleinen Kind, nur weil es die Töne nicht richtig trifft, das Essen zu verweigern, ist Misshandlung! Dass dieser Mutter nun weltweit dermassen grosse mediale Aufmerksamkeit und Interesse entgegengebracht wird und sie sich, ihr Buch und ihre fragwürdigen Erziehungsmethoden profilieren kann, ist skandalös! Dass das Buch bereits ein Bestseller geworden ist, kann ich nicht nachvollziehen und stimmt mich sehr nachdenklich. Dieses Buch werde ich weder kaufen, geschweige dann lesen. Dass zwischen Fördern und Überfordern ein schmaler Grat besteht, ist hinlänglich bekannt. Ich habe nichts gegen Förderung, im Gegenteil. Doch diese muss in einem gesunden Rahmen und ohne unnötigen Druck und Zwang aufs Kind erfolgen. Das hat nichts mit antiautoritärer Kuschelerziehung zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand. Kinder sollen, sobald und solange SIE es wünschen, kindgerecht gefördert werden. Einem Kleinkind, das sich für Zahlen oder Buchstaben interessiert, zu sagen dafür sei es noch zu jung, ist ebenso schlecht wie die von Frau Chua geforderte Power-Frühförderung. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder, welche nicht mit Strafen und unnötiger Härte zum Üben gezwungen werden, motivierter Lernen und ebenso erfolgreich sein können. Viel wichtiger als dieser Frühförderwahn ist es, dass die Kinder zu glücklichen, anständigen, selbstbewussten und selbstständigen Menschen heranwachsen und mit viel Liebe, Wärme, Nähe und Geborgenheit durchs Leben begleitet werden.

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