Überzeugt überzogen

von: Nathalie Sassine am: Dienstag, 25.01.2011
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Der Kindergarten führte vor zwei Jahren Hochdeutsch ein. Bis heute bereitet das Thema sowohl Eltern als auch Politikern Kopfschmerzen. Oder Kopfweh?

Das nenne ich "überzogen"!

"Es hat sich halt niemand freiwillig gemolden" entschuldigt sich Frau Weber (Name geändert), bei der Aufführung ihrer Kindergartenklasse, weil anstatt eines Kindes sie selber die jährliche Theateraufführung moderiert. "Aber ich bin überzogen, die Vorstellung wird Ihnen gefallen!" fügt sie hoffnungsvoll lächelnd hinzu.

Zwei Sätze, zwei Fehler. Gäbe bei einem Diktat eine vier. Nun haben Kindergärtner ja glücklicherweise noch keine Diktate zu bewältigen, ihnen die Fehler "gemolden" und "überzogen" wieder abzutrainieren wird jedoch schwer genug werden.

Ich fühlte mich nach diesem Auftakt sofort in meine Kindheit zurückversetzt. Wir mussten zwar erst in der Primarschule Hochdeutsch sprechen, die Fehler waren jedoch dieselben. Mit einem deutschen Vater zu Hause war es für mich besonders schmerzhaft, Ausdrücke wie "schlussendlich", "Finken" oder auch "Zeltli" über mich ergehen zu lassen. Dass ich als kleines Mädchen meine Lehrerin nicht widersprechen wollte, machte die Sache nicht einfacher. Besonders als sie mich bat, bitte kein "Fernsehdeutsch" mehr zu sprechen. Sollte das auch heute die Lösung sein? Hochdeutsch mit schweizer Akzent?

Für meinen Vater war es damals besonders schlimm. Beim Elternabend regte er sich regelmässig darüber auf, dass Lehrer, die in seiner Muttersprache unterrichten, von ihrem Können so "überzogen" sein konnten. So kam es, dass er meiner Primarlehrerin zurief "Wie überzogen? Etwa mit Schokolade?" Denn das, liebe Leser, ist die korrekte Verwendung dieses Wortes, das Schweizer verwenden, wenn sie "überzeugt" sind.

Bei Einführung des Hochdeutschen im Chindsgi dachte man, die Umstellung würde das Ergebnis der nächsten Pisa-Studie verbessern, was bekanntlich nicht eintraf. Sogar für den Tatort scheint diese Problematik schier unlösbar! Denn die Sprache Goethes ist nicht nur eine Abwandlung unserer Zürcher, St. Galler, Berner oder Basler Dialekte. Diese Sprache ist so reichhaltig, dass es meiner Meinung nach nur eine Lösung gibt, um unsere Kinder korrekt zu unterrichten: Deutsche Lehrer müssen her, zumindest für den Deutschunterricht! (Natürlich nur solche, die akzentrei sprechen, ich möchte auch nicht, dass mein Kind "schwöbelet".) Und bei dem hohen Anteil an Deutschen in der Deutschschweiz (sie sind in Zürich mit fast 20% die grösste Ausländergruppe), dürfte das ja wohl nicht allzu schwierig sein. Oder würde ein Deutscher den Eignungstest nicht bestehen, weil er die Kinder dazu ermahnt in der Klasse "Pantoffeln" statt "Finken" anzuziehen?

Was sind Ihre Erfahrungen mit der neuen Regelung? Sinn oder Unsinn?

Kommentare

von: alam am: Dienstag, 25.01.2011

Kindergärtner oder Kindergärtler?
Pantoffeln sind doch nicht Finken! Finken sind doch Hausschuhe, oder?
Gibt es Deutsche, die akzentfrei sprechen?
Uns Schweizer schauderts ebenso, wenn jemand allzu deutsch spricht: Phizza, frsch, Fanne

Unsere Standardsprache muss nicht gleich sein wie das deutsch, das in Deutschland unterrichtet wird, und in Oesterreich darf es nochmals ein bisschen anders sein. Hauptsache, man versteht sich. Darum geht es doch, oder?

von: alam am: Dienstag, 25.01.2011

"gemolden" und "überzogen" sind natürlich auch in unserem Standarddeutsch falsch. Aber sind Sie sicher, dass die Leute nicht Dialekt gesprochen haben? Dann wäre es nämlich schon richtig.

von: Tumch am: Dienstag, 25.01.2011

Bei meinen Kindern spricht keines besser oder schlechter deutsch aufgrund der Kindergartenerfahrung. Beim ältesten Kind gab es diese Regelung noch nicht. Dieses Kind spricht fantastisch hochdeutsch....?
Mein jüngstes Kind findet den hochdeutschen Kindergarten-Tag schrecklich. Zumal die deutschen Kinder sowieso immer viel besser sind...

von: Eni am: Dienstag, 25.01.2011

Dieser Beitrag zeugt von einer Arroganz die nur schwer zu übertreffen ist. Für solche Menschen gibt es nur eine Lösung: ab nach Deutschland!

von: everything by halves am: Dienstag, 25.01.2011

Als in der Schweiz aufgewachsene, geläufig Mundart sprechende Deutsche und ehemalige Sprachlehrerin verwende ich auch im Hochdeutschen problemlos Begriffe wie „Ferien“ (statt Urlaub), kaufe „Billets“ (statt Fahrkarten) und „parkiere“ (statt parke) mein „Velo“ (statt Fahrrad).

Unsere Kinder sprechen zu Hause Hochdeutsch und Englisch, im Kontakt mit Dritten ist Schweizerdeutsch die Regel. Soweit, so gut. Dass unser erstes Kind aber in ihrem in vieler Hinsicht ausgezeichneten Kindergarten mit einer Standardsprache konfrontiert wird, die Küken („Bibeli“) als Pipelchen (hochdeutsch für Läuse!) bezeichnet, Puzzles als „Putslis“ und zu Ermahnungen führt wie „Kinder, nicht gageln!“, wenn ein Kind auf seinem Stuhl herumhampelt, verblüfft mich jeden Tag aufs Neue.

Daher unterstütze ich die Volksinitiative „Ja zur Mundart im Kindergarten“, ich bin nämlich der Ansicht, dass auch fremdsprachige Kinder besser erst in einer Sprachvariante sattelfest sein sollten, bevor sie mit weiteren konfrontiert werden. "Ey Mann, wottsch Zoff?" ist nicht die Lösung.

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 26.01.2011

Wieso ist das Deutsch, welches in Deutschland gesprochen wird (und wo?), das Mass der Dinge? Ich liebe Helvetismen und pflege sie auch, mit voller Absicht.

von: gedankensplitter am: Mittwoch, 26.01.2011

Mir als Schweizerin (bin nicht Lehrerin!) fehlt auch z.T. das Vokabular zu Alltagsthemen in Standarddeutsch - dieses wurde mir in der Schule weder vermittelt noch habe ich es, mangels längerem Aufenthalt in Deutschland je gelernt. Vielleicht sollten die CH-LehrerInnen in der Ausbildung einen Sprachaufenthalt in D (z.B. als HilfslehrerInnen in Primarschulen) machen können?

Im Kindergarten jedoch finde ich, dass die Mundart intensiv vermittelt werden soll - wer in der Muttersprache einen grossen Wortschatz hat, wird sich später auch in Fremdsprachen differenzierter ausdrücken. Standarddeutsch empfinde ich nicht als Muttersprache.

Mein 5. Klässler hat in seiner Klasse drei deutsche Mädchen, die er seit dem Kindergartenalter kennt und die kein Schweizerdeutsch sprechen. Wenn die Kinder immer jünger in den Chindsgi kommen und dort nur noch Standarddeutsch gesprochen wird, wird es wohl zur Norm werden, dass ausländische Kinder kein Schweizerdeutsch mehr lernen.

von: max am: Mittwoch, 26.01.2011

PISA STUDIEN

Das mühselige mit "Studien" wie der PISA-Studie ist, dass die Politiker sie als Rechtfertigung benutzen für was immer sie sowieso schon immer wollten. Sie schieben "Wissenschaftlichkeit" vor, um dem dumben Pöbel klar zu machen, dass er den Latz halten soll, weil er sowieso nicht drauskommt.


RESULTATE DER PISA-STUDIEN

Was genau ist in der ersten PISA-Studie zum Leseverstängnis herausgekommen?

LÄNDERRANGLISTE

a) Eine Länderrangliste. Diese ist allerdings nur für unbedarfte Germanistinnen in den Zeitungsredaktionen relevant.

Unter dem statistisch wissenschaftlichen Gesichtspunkt waren die Unterschiede zwischen den Ländern, ohne die geringste statistische Relevanz.

Das heisst, eine "Rangliste" mit irgendeiner wie auch immer gearteten Aussage konnte gar nicht gemacht werden.

Die PISA-Studie gab keine Anhaltspunkte dafür, welches Schulsystem besser ist als welches andere!


STATISTISCHE RELEVANZ

b) Der Grund für die fehlende statistische Relevanz war, dass innerhalb der Länder die Unterschiede zwischen verschiedenen Schulklassen ungleich viel grösser waren als die Unterschiede zwischen den Ländern. Aus diesem Grund können die Unterschiede zwischen den Ländern nicht mehr von einer zufälligen Verteilung abgegrenzt werden.


AUSLÄNDERPROBLEM

c) Das andere Ergebnis der PISA-Studie zum Leseverständnis war: Der Grund für die riesigen Unterschiede zwischen den Schulklassen war der Anteil an Ausländerkindern aus bildungsfernen Schichten.

Wenn in einer Schulklasse mehr als ungefähr jedes sechste Kind aus einer bildungsfernen kulturellen Umgebung stammt, dann lernen alle Kinder in der gesamten Klasse viel schlechter Deutsch.


BILDUNGSFERN

Bildungsfern muss man sich so vorstellen: Das Kind stammt aus einem Land wie Ostanatolien oder Mexiko, wo normalerweise sie bnur während drei oder vier Jahren je 10 oder 15 Stunden zur Schule gehen. Die Eltern waren nicht länger in der Schule. Sie können weder lesen noch schreiben. Zuhause gibt es keine Bücher, den Kindern wird nicht aus Büchern vorgelesen. Die Eltern finden Schulbildung überflüssig oder sogar eine teuflische westliche Art, die Kinder vom rechten Weg abzubringen.


POLITISCHE SCHLUSSFOLGERUNGEN:

Die PISA-Studien zeigten, dass wir in der Schweiz ein krasses, ungelöstes Ausländerproblem haben. Finnland wurde immer als grosses Vorbild vorgezeigt. Finnland hat dieses Ausländerproblem nicht. Die finnische Gesellschaft ist extrem viel homogener.

In der Schweiz ist es nicht Mode, auf Ausländerprobleme hinzuweisen. Darum nutzten die linken, sp-wählenden kantonalen Bildungsbürokratien das Thema für ihre eigenen politischen Machenschaften:


KINDER VERSTAATLICHEN:

Man erklärt die Eltern ganz allgemein zu Trotteln, unfähig für die eigenen Kinder zu sorgen. Der einzige Ausweg sei, die Kinder so früh wie möglich den Eltern wegzunehmen, Kinderkrippe ab 6 Monate, Kindergarten ab 4 Jahre. Die Kinder sollen verstaatlicht und den Eltern entfremdet werden.

Genau um dieses Ziel zu erreichen muss den Kindern auch so früh wie möglich die Mundart abgewöhnt werden. Es soll ein tiefer sprachlicher Graben zwischen den Generationen geschaffen werden. Innerhalb der Familien soll die reibungslose Kommunikation nachhaltig beschädigt, wann immer möglich verunmöglicht werden.

Everything by halves bringt eindrückliche Beispiele für diese Entfremdung!

von: Brige am: Donnerstag, 27.01.2011

also ich habe eine bekannte aus deutschland, die spricht schlechter hochdeutsch als ich, das können sie mir glauben. ich finde auch, wieso ist das hochdeutsch das mass aller dinge?? bevor wir alle einen einheitsbrei sprechen, bleibt ich doch lieber ein bisschen patriot und erhalte unsere ausdrücke.
ach so, und wenn eine kindergartenlehrerin überzogen und gemolden sagt, dann ist das wohl eher die ausnahme als die regel und liegt an der lehrerin. ich spreche selten hochdeutsch, würde aber garantiert überzeugt und gemeldet sagen...

von: Brige am: Donnerstag, 27.01.2011

ach so, und wenn die deutschen
"Michelin" statt "Mischlän" sagen, schauderts mich auch. Ebenso wenn ich höre Schina, statt China.

von: max am: Sonntag, 30.01.2011

@Brige

Und Brige sagen die wohl gleich wie Brickett?

Ich spreche auch besser Englisch als die meisten Engländer. Das passiert, wenn man eine Fremdsprache mit viel Aufwand erlernt.

Hochdeutsch ist in der Schweiz eine Fremsprache. Bildungsbürokraten, die das nicht merken, haben vermutlich auch sonst nicht viel von Sprachen verstanden.

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