Das bevorzugte Kind

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 21.12.2011

Jeffrey Kluger, Journalist beim «Time Magazine», behauptet, Eltern hätten ein Lieblingskind. Stimmt das?

Hat sie beide gleich lieb? Mutter mit ihren Töchtern. (Bild: iStockphoto)

Keiner habe alle seine Kinder gleich gern. Genau das stand kürzlich in der Sonntagszeitung. Der Autor einer entsprechenden Buches, Jeffrey Kluger, behauptet, dass 99% aller Eltern ein Lieblingskind hätten, und der Rest lüge, wenn er behauptet, kein solches zu haben. Entweder habe ich also ein Lieblingskind, oder ich lüge. Was aufs Gleiche herauskommt, so oder so: Ich habe ein Lieblingskind. Behauptet dieser kluge Kluger.

Nun werde ich leider UNGLAUBLICH bockig, wenn mir jemand sagt, was ich zu fühlen habe. Vermutlich hat niemand in seiner Kindheit öfter gehört als ich, er sei ein Dickschädel. Aber unbelehrbar bin ich nicht,  also habe ich mich in mein Innerstes versenkt und versucht herauszufühlen, was ich nun fühle. Vor allem,  und ob ich nicht doch, heimlich und uneingestanden, eine meiner Prachtstöchter lieber habe als die andere.

Kluger argumentiert biologisch. Dass man zum Beispiel die Erstgeborenen lieber hat, weil man in die besonders viel Zeit und Geld investiert hat, oder das Jüngste, weil es den Beschützerinstinkt besonders weckt. Nebenbei bemerkt: Schon das ist unlogisch, der Herr soll sich mal entscheiden, ob nun das Erstgeborene oder das Jüngste. Aber er nennt noch andere Beispiele: Man habe ein Kind etwa lieber, weil es einem ähnlicher ist, die gleichen Hobbies hat oder hübscher ist. Und weniger gern, wenn es der Schwiegermutter zu ähnlich sieht, und so weiter. Was er nennt, sind Umstände, äusserliche, erklärbare Gründe. 

Es stimmt natürlich, dass ich in die Erstgeborene mehr Geld investiert habe. Die Kleine hat von ihr vom Buggy bis zum Strampler alles geerbt, das war praktisch. Und ja, die Kleine beschütze ich derzeit noch mehr als die Grosse, sie ist ja auch jünger. Die Grosse habe ich bis sie dreijährig war mehr beschützt, denn da schwamm die Kleine noch als Eizelle herum und war genug geschützt. Die Kleine ist häufiger Thema in diesem Block, weil sie eben noch gewisse Erziehungsmassnahmen zu erdulden hat. Nehme ich der Grossen den Laptop weg oder sage, sie müsse um Mitternacht daheim sein, gibt das keine Diskussionen. Sondern sie schaut mich besorgt an und misst mir das Fieber. Keine gleicht der Schwiegermutter, wobei ich die sehr gern hatte. Beide sind hübsch, aber keine taugt für «Germany’s next Topmodel».

Es gibt Dinge, die mich an der einen nerven, und an der andern nicht. Die Grosse kann so was von belehrend sein, schraubt ihr Jus-Studentinnen-Näschen in die Luft und kanzelt mich ab, wenn ich nur mal zerstreut frage, ob sie zum Znacht da sei, und sie mir das schon von ihr gefühlte hundert Mal gesagt hat. Was eine unbewiesene Behauptung ist, aber lassen wir das. Und die Kleine, mit ihrem unglaublichen Puff, die nervt zuweilen ganz tüchtig, denn dauernd fliegt man über irgendetwas. In ihr Zimmer verirre ich mich nur noch, wenn ich einen Asthmaanfall provozieren will.

Aber was, bitte, hat das mit meiner Liebe zu ihnen zu tun? Kaum geht es einer von ihnen nicht gut, kriege ich Panik pur und setze Himmel und Hölle in Bewegung. Völlig egal, ob wir davor Krach hatten oder nicht, alles wie weggeblasen. Ist eine von ihnen gar ernsthaft krank, dann schlafe ich schlecht, sorge mich dumm und dämlich und recherchiere im Internet, bis ich Augen habe wie ein weisses Kaninchen. Ist aber alles in Butter, fahre auch mal genüsslich mit ihrem Vater ein paar Tage weg. Kurzum: Ich liebe beide gleich. Liebe geht viel tiefer, lässt sich nicht an Äusserlichkeiten messen, wie denen, die Herr Kluger da so nennt. Sorgt man sich mehr um ein Kind, als um das andere, dann weil es gerade nötig ist. Was mit Liebe nichts zu tun hat.

Und wie geht es Ihnen? Haben Sie ein Lieblingskind? Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Verdächtiges Glück

von: Andrea Strahm am: Donnerstag, 06.10.2011

Eltern wollen nichts sehnlicher als glückliche Kinder. Wieso kommt Skepsis auf, wenn ein Kind äussert, es sei wunschlos glücklich?

Glücklich auch ohne vierblättriges Kleeblatt.(Bild: © iStockphoto)

Wir diskutieren über Glück, die Mädchen und ich. Der Anlass: In der Schule nehmen sie «Glück» durch, und die Lehrerin wollte partout nicht glauben, dass sich meine Tochter einfach glücklich fühlt. Das findet die glückliche Tochter doof, aber unglücklich ist sie deswegen noch lange nicht.

Also überlegen wir, was glücklich sein bedeuten soll. Ich denke, ich bin einfach zufrieden, jedenfalls in aller Regel. Glücksmomente sind eher Momente. Die Schwester der Glücklichen fühlt sich eigentlich auch rundum glücklich, nicht bloss zufrieden. Im Moment besteht allerdings auch für keinen von uns Grund, unglücklich zu sein. Ist man aber glücklich, wenn man nicht unglücklich ist? Wir philosophieren.

Tatsache ist, dass die Tochter, der das Glücklichsein in der Schule derzeit abgesprochen wird, schon in der Primarschule genau das Gleiche äusserte. Sie hatte ein Freundschaftsbuch, und da musste sie am Anfang Angaben zu ihrer Person machen. Unter anderem stand da: «Was ich mir wünsche». Sie dachte lange nach, dann schrieb sie: «Nichts». Auf meine Frage hin antwortete sie, sie habe doch alles. Was also solle sie sich denn wünschen? Und tatsächlich ist es bis heute schwierig, ihr für ein Weihnachtsgeschenk oder den Geburtstag einen Wunsch zu entlocken. Ihre Schwester und ich haben es da weniger schwer, uns fällt zuweilen schon dies und jenes ein, was uns gefallen würde. Aber mit Glücksgefühlen hat auch das nichts zu tun.

Es gab eine Zeit, da war meine des Glücks verdächtige Tochter nicht gerade unglücklich, aber krank, und es ging ihr nicht gut. Lange stand die Diagnose nicht, und wir wussten nicht, was los ist. Damals wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass mein kleines Mädchen auf «Was ich mir wünsche» wieder «nichts» schreiben würde, denn damals hätte sie wohl geschrieben, sie wolle gesund werden. Zwischenzeitlich ist sie es, und ich bin nicht bloss glücklich, sondern überglücklich, masslos erleichtert.

Warum aber will die Lehrerin dies nicht akzeptieren? Ist ihr das Gefühl des Glücklichseins ihrer Schülerin etwa verdächtig? Wer zu Grübeleien neigt, kann sich vielleicht auch eines Anflugs von Neid nicht erwehren, wenn da jemand frank und frei einfach sagt, er sei glücklich. Kann oder darf es einfach nicht sein, dass sich jemand einfach bloss glücklich fühlt?

Rundum glücklich sein, das können Kinder. Erwachsene wissen, dass das Glück zuweilen ein treuloser Geselle ist. Wenn der erste Liebeskummer kommt, werden sich auch meine Töchter eine Zeit lang nicht mehr rundum glücklich fühlen. Denn ebenso wie rundum glücklich können nur junge Leute und Kinder sich absolut total unglücklich fühlen. Auch da wissen wir: Das Glück macht bloss mal Pause.

Lassen wir also den Kindern und Jugendlichen die glückliche Zeit. Anstatt skeptisch zu reagieren, sollten wir uns eher fragen, weshalb wir den Mut, glücklich zu sein, verloren haben. Denn Grund zum Glücklichsein haben doch die meisten von uns, meistens. Wir müssen bloss in die Gesichter unserer Kinder schauen.

Die Wahrheit der Gefühle

von: Eva Assignon am: Dienstag, 10.05.2011

Eltern wollen ihrem Kind gegenüber authentisch sein. Aber ist die ungeschminkte Wahrheit auch gut fürs Kind?

Wahrheit oder Pflicht? (© iStockphoto)

Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild sein. Wenn es nicht anders geht, ein abschreckendes. (Albert Einstein)

Wikipedia sagt: «Authentizität (von gr. authentikós ‹echt›; spätlateinisch authenticus ‹verbürgt, zuverlässig›) bedeutet Echtheit im Sinne von ‹als Original befunden›. Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden.»

Das klingt gut. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre ein Kind, dann würde es sich gut anfühlen, in diesem Sinne authentische Eltern zu haben. Es würde mir grösstmögliche Sicherheit bieten. Weil es ehrlich wäre, weil es echt wäre, weil es keinen doppelten Boden und keine Hintertür gäbe. Weil es genau so wäre, wie es sich anfühlt.

Kleine Kinder sind, wenn man sie lässt, zu 100% authentisch. Sie zeigen sich so, wie sie gerade sind: glücklich, wütend, traurig, stolz, ängstlich. Mit dem Erwachsenwerden gibt sich das. Man lernt, sich zu kontrollieren, sich zusammenzureissen, Gefühle zu verbergen. Schliesslich kann man ab einem gewissen Alter nicht mehr einfach losschreien, wenn man Hunger hat, oder Schmerzen, oder Kummer. Dann wird es schwierig mit der Authentizität. Wie beibehalten und später den Kindern vorleben?

Mein Sohn fragt mich regelmässig: «Hesch Freud, Mama?» Erraten, meist kommt diese Frage, wenn ich gerade nicht so viel Freude habe. Was soll ich ihm antworten? Wäre es authentisch zu sagen: «Weisst du, Sohn, ich habe Angst, ich bin am Verzweifeln, ich bin einsam, ich bin so traurig wie ein brackiger Moorsee.» Oder: «Ich könnte im Moment grad deinen Vater erwürgen.» Oder: «Sohn, Du gehst mir grad so was von auf den Geist.»

Den Weg, den ich bisher gewählt hatte, war: verbissen lächeln und antworten: «Natürlich freue ich mich!!» Da haben wir ihn: den Zusammenreiss-Instinkt, Killer jeglicher Authentizität. Tief in die menschliche Psyche eingefräst. Tapfer sein! Stark sein! Lächeln! Ein gutes Vorbild sein!

Ein gutes Vorbild? Da lebe ich wohl eher genau das Gegenteil von Authentizität vor. Ich fürchte, ein Kind versteht nach so einer Antwort die Welt nicht mehr. Denn was es hört, ist nicht das, was es spürt. Also wird es A) seinen eigenen Gefühlen misstrauen oder B) der Mama nichts mehr glauben und C) dem Vorbild folgen und ebenfalls tapfer lächeln, wenn es losheulen möchte. Autsch!

Ich übe mich also in der hohen Kunst der Authentizität. Sich üben ist übrigens sehr authentisch.

Autorin
Eva Assignon ist Initiantin und Betreiberin von www.bestefreundin.ch, wo sie seit 2008 auch den Business-Mama-Blog schreibt. Sie ist ausgebildete Naturheilpraktikerin/Homöopathin und arbeitet heute als Betreuerin in einer Tagesschule. Zusammen mit ihrem vierjährigen Sohn lebt sie in Langenthal/BE.

Die Hobbykeller-Initiative

von: Eva Assignon am: Freitag, 19.11.2010
Tags: FetzGefühleInternetPornografiePornokonsumSex

Spaghettitanz und Flaschenspiel: Gibt es das langsame Annähern ans andere Geschlecht im Zeitalter der Internet-Pornographie noch?

«Dreams are my reality»: Szene aus «La Boum», dem Riesenhit der 80er-Jahre.

Im Rahmen der Recherche für diesen Blog habe ich ihn mir wieder einmal angesehen: Sex im Internet. Wow, da bleibt einem die Spucke weg. Es gibt nichts mehr, was man nicht zu sehen bekommt; nichts, was einem nicht detailreich vor die Nase gezoomt wird.

Meine anfängliche Neugierde verwandelte sich innert Kürze in ein gewaltiges Entsetzen, das mir hart und kalt wie ein Stein im Bauch lag. Angeekelt stellte ich nach 40 Minuten den Laptop aus. Das bisschen Geilheit, das gerne aufgekommen wäre, zugemüllt mit frauenverachtendem, widerlichem Schrott. Sicher, ich wäre durchaus interessiert an schönen, an- und aufregenden Bildern und Filmen, doch um solche zu finden, wenn es sie denn überhaupt gibt, muss ich mit Sicherheit meine Recherche um einige Stunden oder Tage erweitern. Worum es aber hier gehen soll: Unsere Kinder. Wie gehen sie mit der Flut an sexualisierten Bildern um? Was für eine Art von Sexualität wird ihnen vermittelt? Was halten sie für «normal»?

Ich bin jetzt, mit 37 Jahren reif genug, um die Gefühle, die der Pornokonsum in mir auslöst, zu definieren und ernst zu nehmen. Denn ich weiss, was ich will, was mir gut tut und was nicht. Von alledem hatte ich bis Ende zwanzig! höchstens eine Ahnung. Die keinesfalls dazu ausgereicht hat, meine Würde als Frau bis ins intimste Zusammentreffen mit dem anderen Geschlecht zu wahren und zu schützen. So frage ich mich: Was bewirken all diese Bilder mit einer weichen, zarten, offenen, neugierigen, verletzlichen Kinderseele? Es muss ein Schock sein. Auf Wikipedia lese ich:

Jugendliche und auch Kinder mit Internetzugang kommen normalerweise ebenfalls mit Cybersex in einer seiner Erscheinungsformen in Berührung. Eine im Jahr 2006 durchgeführte Studie an Minderjährigen in den Niederlanden ergab, dass 75 Prozent der Mädchen und 80 Prozent der Jungen sexuelle Erlebnisse im Internet hatten. Dabei erlebten 26 Prozent der Mädchen und 10 Prozent der Jungen diese Erlebnisse als negativ. Ähnliche Ergebnisse lassen sich für den gesamten westeuropäischen Raum erwarten.

Wie es mit den meisten Studien ist: interessant, aber nichtssagend, und die Wirklichkeit  verbirgt sich weit darunter in den Untiefen des menschlichen Individuums. Wie viele Kinder und Jugendliche geben zu, Sex im Internet konsumiert zu haben? Und wie viele beschreiben ehrlich ihre Reaktionen, insofern sie diese überhaupt benennen können? Wenn das, was sie im Internet zu sehen bekommen, die Normalität darstellt, wer wird dann nicht versuchen, sich an diese Normalität anzupassen, statt davon abzuweichen und dadurch jenseits der Norm zu stehen? Damit würden sie auch automatisch jenseits der Gruppe stehen, und wir alle wissen, wie wichtig Gruppen im Alter von zehn bis zwanzig (25? 30?) sind.

Ich will hier keinen auf heilig machen, ich weiss sehr wohl, wie es sich anfühlt, wenn man zur Sache kommen möchte, ohne vorher hundert Kerzen anzuzünden, Komplimente zu machen und tiefsinnige Gespräche zu führen. Aber ich bin kein Kind mehr. Und ich weiss, dass ich diese Lust zu meinem eigenen Schutz besser im geschützten Rahmen einer emotional tragenden Beziehung auslebe statt in freier Wildbahn. Was bedeutet, dass ein Haufen harte Arbeit auf mich wartet, bevor ich in den Genuss einer befriedigenden und befreienden Sexualität komme. Und genau das filtert die Porno-Industrie raus. Eigentlich wird nicht Sexualität gezeigt, sondern bloss noch die Reibung zwischen zwei Körperteilen.

Etwas nostalgisch denke ich zurück an meine eigene Jugend. Als die Lust wuchs, dem anderen Geschlecht behutsam näherzukommen. Wir verantstalteten Discos im Hobbykeller, sorgten für schummrige Beleuchtung, damit die verlegene Röte in unseren Gesichtern unsichtbar blieb, und legten ausschliesslich Schmusesongs ein. Dann wurde «geschlossen getanzt», sprich: Man tanzte in enger Umarmung (rechter Fuss, linker Fuss, etc.), hörte das Herz des anderen so laut klopfen wie sein eigenes, roch den Angstschweiss, spürte die Hormone zappeln und konnte sich bei der genau definierten Damen- und Herrenwahl immer wieder darin üben, mutig über den eigenen Schatten zu springen und einen Schritt auf das Gegenüber zuzumachen. Es war herrlich, und es genügte vielen von uns für ein, zwei Jahre.

Mein Sohn ist erst drei, wir befinden uns also noch in einer ganz anderen Phase (auch Schnäbi- übrigens), also weiss ich nicht: Werden Hobby-Keller noch immer zum Engtanzen benutzt? Wird Engtanzen überhaupt noch praktiziert? Wäre es denn überhaupt möglich, sich wieder LANGSAM an das andere Geschecht heranzutanzen, äh tasten, trotz freier Porno-Verfügbarkeit? Verbieten bei Jugendlichen kann man eh vergessen, aber: Vielleicht wäre all das Herzklopfen, das Anschmiegen an einen BEKLEIDETEN Körper, das ganze Kennenlern- und Verzögerungsspiel um Längen spannender als das mechanische Rumgebumse der Pornodarsteller?

Autorin
Eva Assignon ist Naturheilpraktikerin und Homöopathin.
Zurzeit lässt sie sich in afrikanischer Perkussion ausbilden und lebt als Initiantin und Betreiberin von www.bestefreundin.ch mit ihrem Sohn in Langenthal.

Glücklich ist, wer eine Schwester hat

von: Monique Brunner am: Freitag, 05.11.2010

Menschen mit Schwestern sind optimistischer und ausgeglichener. Schlechter als Einzelkindern ergeht es nur noch Menschen mit Brüdern, besagt eine britische Studie.

Geht Natur vor Kultur? Glückliche Schwestern. (Bild: ©iStockphoto)

Beim 2. grossen Ultraschalltermin fragte mein Gynäkologe vor der Untersuchung meine Tochter, ob sie sich denn ein Brüderchen oder ein Schwesterchen wünsche. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: «Eine Schwester!» Und als ob gleich die Barbapapas über den Bildschirm flimmern würden, starrte sie erwartungsvoll auf den Computerbildschirm.

Meine Tochter sollte sogleich schmerzlich erfahren, dass man im Leben nicht alles kriegt, was man sich wünscht. Auf dem Bildschirm prangte nämlich unverkennbar das, was Mann von Frau trennt. «Du kriegst ein Brüderchen», sagte der Arzt zu meiner Kleinen. «Nein!», hallte der Schrei durch das kahle Untersuchungszimmer, «den will ich nicht.»

Womöglich wusste sie intuitiv, dass sie fortan das Glück der Familie allein auf ihren schmalen Schultern zu tragen hätte. Denn laut einer britischen Studie machen Schwestern glücklich. Gemäss Untersuchungen von Sozialpsychologen der Universitäten Ulster und De Montfort fühlen sich Menschen mit weiblichen Geschwistern ausgeglichener und optimistischer als Menschen, die nur Brüder haben. Sozialpsychologe Tony Cassidy von der Universität von Ulster: «Schwestern fördern die offene Kommunikation innerhalb der Familie und stärken so den Zusammenhalt.» Besonders in familiären Stresssituationen wie einer Trennung oder Scheidung macht sich der positive Effekt bemerkbar (oder waren die Mädchen gar mit ein Grund für die Scheidung? siehe: Ruinieren Töchter die Ehe?). Denn Mädchen redeten eher über ihre Gefühle und ermunterten auch andere dazu, das zu tun, wie die Studienautorin Liz Wright in der Zeitschrift «Psychologie heute» ausführt. Ganz im Unterschied zu Brüdern: «Brüder neigen dazu, Probleme totzuschweigen.»

Die Sprachwissenschafterin und Buchautorin Deborah Tannen will die Studie nicht geschlechterspezifisch gedeutet haben, denn Frauen und Männer kommunizierten anders, wie sie in ihrem Buch «Du kannst mich einfach nicht verstehen» (englischer Titel: «You Just Don’t Understand») aufzeigt. Für sie ist das Entscheidende das Gespräch an und für sich und nicht, dass man über Gefühle spricht.

Und auch ich frage mich: Ist tatsächlich die Geschlechterkonstellation ausschlaggebend für die Zufriedenheit in der Familie? Geht Natur vor Kultur? Sind wir unserer biologischen Prägung tatsächlich ausgeliefert oder tragen wir nicht hauptsächlich zur Zufriedenheit bei, wie wir in der Familie das Zusammenleben gestalten? Wie sehen Sie das?

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