von: Rita Angelone am: Donnerstag, 03.05.2012
In welchem Land ist es am schönsten, Mutter zu sein? Und in welchem am schlimmsten?

Schlusslicht im Mütter-Index: Afghanistan. (Bild: iStockphoto)
Mütter klagen oft. Die einen aus mehr und die anderen aus weniger triftigen Gründen, wie der «Mother´s Index» belegt, der jährlich veröffentlicht wird und die weltweite Lebensqualität von Müttern erhebt.
Für 2011 führt Norwegen die Top Ten der besten Länder für Mütter an, gefolgt von Australien, Island, Schweden, Dänemark, Neuseeland, Finnland, Belgien, Holland, Frankreich und Deutschland. Die meisten dieser Länder kommen uns sehr bekannt vor, werden sie doch immer wieder in Berichterstattungen über familienfreundliche Gesellschaften herausragend zitiert. Es erstaunt auch nicht, dass alle in der Top Ten vertretenen Ländern auch in der Liste der «Top Gender Balanced»-Staaten zu finden sind.
Demgegenüber bilden die Zentralafrikanische Republik, Sudan, Mali, Eritrea, Demokratische Republik Kongo, Tschad, Jemen, Guinea-Bissau, Nigeria und Afghanistan die fünf Schlusslichter. Die Bedingungen für Mütter und Kinder ist in diesen Länder verheerend:
- Über die Hälfte der Geburten werden nicht durch ausgebildetes Personal begleitet.
- Im Durchschnitt stirbt eine Frau aus dreissig an den Folgen einer Schwangerschaft.
- Jedes sechste Kind stirbt vor dem Erreichend des fünften Lebensjahres.
- Jedes dritte Kind leidet an den Folgen von Unterernährung.
- Jedes siebte Kind wird nicht eingeschult, davon mehr Knaben als Mädchen.
- Im Durchschnitt geniessen Mädchen und Frauen weniger als sechs Jahre Schulbildung.
- Frauen verdienen nur 40% soviel wie Männer.
- Neun von zehn Frauen verlieren zu Lebzeit eines ihrer Kinder.
Der Kontrast zwischen Norwegen und Afghanistan könnte grösser nicht sein:
- Während in Norwegen alle Geburten fachmännisch begleitet werden, sind in Afghanistan nur in 14% der Fälle Fachleute bei der Geburt anwesend.
- Norwegische Frauen geniessen im Schnitt 18 Jahre Schulbildung und haben eine Alterserwartung von 83 Jahren, während Frauen in Afghanistan weniger als 5 Jahre Schulbildung und eine Alterserwartung von 45 Jahren aufweisen.
- Über 80% der Frauen in Norwegen setzen eine Verhütungsmethode ein, während es in Afghanistan nur 16% tun.
- Während in Norwegen nur eine Mutter auf 175 ihr Kind vor dem 5. Geburtstag verliert, stirbt in Afghanistan jedes fünfte Kind vor dem Erreichen dieses Alters.
Die erhobenen Daten zeigen, wie gross die Diskrepanz zwischen reichen und armen Ländern ist und wie wichtig es ist, Verbesserungen in Sachen Gesundheit und Wohlergehen von Müttern und Kindern auf der ganzen Welt anzustreben.
Wollen wir versuchen, uns daran zu erinnern, wenn wir das nächste Mal auf hohem Niveau klagen?
von: Rita Angelone am: Dienstag, 03.04.2012
Sue Tollefsen, die älteste Mutter Grossbritanniens, hatte geglaubt, als 57-Jährige genug fit und gesund zu sein, um ein Kind aufziehen zu können. Ein Irrtum, wie sich herausstellte.

Grosses Glück und doch ein Fehlentscheid: Sue Tollefsen mit ihrer Tochter.
Die derzeit älteste Mutter der Schweiz ist 66 Jahre alt. Sie hat kürzlich zwei Knaben zur Welt gebracht. Die Frau war extra in die Ukraine gereist, um sich ihren späten Kinderwunsch erfüllen zu können. Vermutlich schwebt sie heute noch im 7. Himmel und geniesst jeden einzelnen Augenblick mit ihren beiden Babys.
Die Freude könnte allerdings von kurzer Dauer sein, wenn sie ein ähnliches Schicksal ereilen sollte wie Sue Tollefsen, die älteste Mutter Grossbritanniens. Diese löste im 2008 eine Kontroverse aus, als sie mit 57 Jahren eine Tochter bekam, nachdem sie sich künstlich befruchten liess, und zwar in Russland, weil sie von britischen Kliniken wegen ihres zu hohen Alters abgewiesen wurde.
Kritiker warfen Sue vor, sie sei viel zu alt, um Mutter zu werden. Doch Sue hatte zu jenem Zeitpunkt keinerlei Bedenken. Schliesslich ging sie mit dem Kopf durch die Wand, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Gar über ein weiteres Baby dachte sie damals noch nach.
Und nun der Sinneswandel, die bittere Reue! Ihre Tochter bekommen zu haben, sei zwar das Beste, was ihr in ihrem ganzen Leben widerfahren sei, aber dennoch ein Fehler gewesen, gesteht sie den Medien. Als die Tochter zur Welt gekommen sei, hätte sie sich noch voller Energie gefühlt und gedacht, sie würde sich für immer fit und gesund fühlen. Aber in ihrem Alter ermüde sie nun doch sehr schnell – insbesondere jetzt, nach ihrer schweren Krankheit. Als frischgebackene Mutter wurde Sue nämlich von einer lebensbedrohlichen Krankheit getroffen, die sie realisieren liess, dass sie wohl nicht mehr so lange leben würde, um ihre Tochter aufwachsen zu sehen.
Diese Erfahrung hat Sue zum Schluss kommen lassen, dass das Höchstalter, um Kinder zu bekommen, bei maximal 50 Jahren liegen sollte. Aber solange man keine eigenen Kinder habe, könne man dies nicht begreifen und akzeptieren. Es sei leider wahr, aus Fehlern lerne man, und ihr Fehler sei gewesen, nicht früher Kinder bekommen zu haben.
Was sollen wir dazu sagen? Wir können nur hoffen, dass Sue und alle ihre Pendants in der Schweiz und der Welt noch lange gesund mit ihren Kindern leben dürfen. Andererseits hoffen wir auch, dass diese so traurige Reue in die Entscheidungsfindung älterer Frauen mit Kinderwunsch einfliesst. Denn auch wenn wir jeden noch so späten Kinderwunsch gefühlsmässig nachvollziehen können, es gibt leider Grenzen und Sue hat sie mit einem Fusse schon übertreten.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von dieser Reue lesen?
von: Rita Angelone am: Dienstag, 20.03.2012
Wenn Mütter Job, Familie und sich selber vernetzen.

Life-Net-Work-Balance: Mütter auf dem Spielplatz beim Networking. (Bild: iStockphoto)
Seit kurzem bin ich Mitglied einer Facebook-Gruppe namens (net)working moms. Diese Gruppe ist nicht nur eine Netzwerk-Gruppe für Mütter, die ein Online-Business betreiben, sondern sie ist auch so etwas wie eine Selbsthilfegruppe für Mütter, die sozusagen nur noch am Netz hängen.
Teilzeitarbeitende Mütter, die von zu Hause aus ein Online-Business betreiben, erhalten Bestellungen, Anfragen und Anrufe just dann, wenn sie eigentlich die Wäsche machen oder hurtig die Fischstäbli für das Mittagessen wenden wollten. Ihre Notebooks laufen deshalb ständig, sie sind immer online – nötigenfalls auf dem Smartphone. Und alle Business Aktivitäten, die nicht gerade brennen, werden «en passant» zwischen dem Wäsche zusammen legen, Geschirrspülmaschine ausräumen und Staub saugen erledigt.
«Wie trennen Net Working Moms Job und Familie?» tauschten wir kürzlich untereinander aus. «Gar nicht!» klang es unisono.
- Wenn unsere Kinder (oder Partner) anwesend und wach sind, verzichten wir aufs Arbeiten, klappen unsere Notebooks zu und widmen uns der Familie (Mails und Facebook können auf dem Smartphone klammheimlich gelesen werden).
- Glücklicherweise schlafen Kinder bis zum Kindergartenalter ihre Siesta – diese können wir dann scham- und schuldgefühllos fürs Net Worken einsetzen. Sind die Kinder erst im Kindergarten und halten keinen Mittagsschlaf mehr, haben wir dafür sonst mehr Freiraum.
- Abends profitieren wir davon, dass unsere Männer regelmässig vor dem Fernseher einschlafen. So interessiert es niemanden, ob wir schon wieder am Netz sind und arbeiten.
- Ohnehin ist es unserer Partnern lieber, wenn wir net worken statt rum zicken. Hauptsache, es ist trotzdem alles erledigt und sie ihre saubere Wäsche und warme Mahlzeiten bekommen.
- Am glücklichsten schätzen wir uns, wenn wir über eine bessere Hälfte verfügen, die selber extrem viel und extrem lange arbeitet. Am besten grad auch noch am Wochenende. Was für herrliche Rahmenbedingungen für unser Schaffen!
- Ebenfalls ganz schön zufrieden sind wir, wenn wir mehr als ein Kind haben. So können diese ganz toll zusammen spielen, während wir via Facebook mit unseren Kunden interagieren.
- An Sonn- und Feiertagen versuchen wir zwar immer wieder den Entzug und stellen unsere Notebooks ab. Erfolglos, denn dafür hängen wir umso mehr an unseren Smartphones, was aber wiederum halb so schlimm ist, da man dies ja im Versteckten tun kann.
- Für unsere Ferien nehmen wir uns ebenfalls vor, weder Notebook mitzunehmen, noch das Smartphone einzuschalten, ertappen uns aber bereits bei der Ferienplanung, dass wir nur nach Feriendestinationen inklusive Wi-Fi surfen. Natürlich nur, weil wir damit unseren ach so beschäftigten Männern einen Gefallen machen wollen.
- Die Kür schaffen wir dann, wenn wir abends unsere Partner einspannen können: diese bespassen die Kinder, bereiten das Nachtessen vor und bringen sie schliesslich ins Bett. Manchmal übernehmen sie diese Dienste sogar am Wochenende! Das nennen wir dann das Paradies auf Erden!
Fazit
Net Working Moms wollen Job und Familie gar nicht trennen! Spinnenähnlich vernetzen wir gekonnt unsere geschäftlichen und familiären Tätigkeiten miteinander, ohne dass unsere Familie etwas von unserer schon fast krankhaften Leidenschaft für unser berufliches Lebens- und Netzwerk bemerkt, geschweige denn darunter leiden muss. Und clever wie wir sind, net worken wir auch untereinander – und das macht uns nicht nur stark, sondern auch glücklich!
Vorsätze 2012: Weniger Komplexe.
von: Nicole Althaus am: Donnerstag, 05.01.2012
Warum nur quält berufstätige Mütter ständig ein schlechtes Gewissen? Neue Antworten auf ein altbekanntes Gefühl.

Zwischen Blackberry und Baby gedeiht das schlechte Gewissen
Mütter können nicht gewinnen. Noch nicht mal, wenn Sie Queen Elisabeth heissen. In England wird gerade darüber debattiert, ob Prinz Andrew von Mama nicht zu sehr auf Händen getragen worden ist. Sein Papa hatte – wie die allermeisten Papas – offenbar auf die Entwicklung des Nachwuchses null Einfluss. Ein vernichtendes Urteil. Für die Mütter. Für einmal traut man dem schwachen Geschlecht nämlich eine radikales Durchsetzungs- und Machtpotenzial zu. Wenn auch nur im häuslichen Bereich. Gerade in dem Bereich notabene, den die Mütter in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr verlassen haben.
Ein Paradox, das zum globalisierten Phänomen des Rabenmutter-Komplexes geführt hat. Noch nie gingen die Vorstellungen darüber, wie eine gute Mutter zu sein hat so weit auseinander. Noch nie haben Mütter sich dabei schlechter gefühlt: 425′000 Treffer bekommt, wer bei Google «Mutter und schlechtes Gewissen» eingibt. 1,5 Millionen Treffer, wer dasselbe in Englisch eintippt. Mittlerweilen gibt es Mütter, die als Autorinnen oder Bloggerinnen das schlechte Gewissen vor sich her tragen wie ein besonderes Talent. Sie machen Karriere, bloss weil sie öffentlich gestehen, Rabenmütter zu sein und ihre Kinder gelegentlich vor dem TV zu parkieren.
Die I-Phonisierung der Mutter-Seele
Es wird also Zeit, dass sich mal jemand ernsthaft mit dem Rabenmutter-Komplex beschäftigt. Soziologen der University of Toronto haben das getan und zwar indem sie die Gefühlslage von Müttern und Vätern in Situationen untersuchten, in der sich die Grenzen zwischen Beruf und Familie verwischen: Die Befragung von 1800 Berufstätigen ergab, dass Mütter sich umso schlechter fühlten, je mehr arbeitsbezogene Mails und Anrufe sie an ihrem Familientag bekam. Auf die Emotionen der Väter hingegen hatte der elektronische Übergriff des Büros keinen Einfluss. Die Studie, die im «Journal of Health und Social Behavior» publiziert wurde, untersuchte darauf, ob die emotionale Destabilisierung der Mütter mit einer Überforderung zu tun hatte, konnte aber nichts dergleichen finden. Im Gegenteil zeigten sich die Mütter als mindestens so effizient und erfolgreich im Jonglieren der beiden Spähren wie die Väter. Nur das die Heim-Zirkusnummer ihnen nicht einen inneren Applaus sondern ein schlechtes Gewissen bescherte.
Show und Zugabe
Zum ersten Mal haben Wissenschafter damit ein vermeintlich individuelles Ungenügen mit soziologischer Evidenz versehen und klar verortet: Das «schlechte Gewissen» steht in Relation zum Gebot der permanenten Verfügbarkeit. Dieses quält Mütter nicht, weil sie arbeiten gehen, sondern weil die Arbeit immer stärker ins Familien- und Privatleben übergreift. Oder um es in den Worten der Soziologin Mary Blair-Loy zu sagen: «Anders als Väter erwarten Mütter nicht nur im Büro klar formulierte Erwartungen, sondern auch zu Hause. Solche kulturellen Anforderungsprofile lassen sich so schnell nicht ändern.» Was Väter zu Hause tun, ist eine Zugabe. Was Mütter zu Hause tun, ist bloss die ganz normale Show. Eine Zugabe ist immer toll, egal, wie bescheiden sie ausfällt. Von einer Show kann man das nicht behaupten. Oder haben Sie schon mal gehört, dass das Publikum eine ganze Show lang im Takt mitklatscht, so wie jeweils bei der Zugabe?
von: clack.ch am: Donnerstag, 27.10.2011
Mütter sind die ideale Zielgruppe für Werbung. Jetzt sollen auch Alleinerziehende besser ins Werberaster passen.

Im Visier der Werber: Die alleinerziehende Mutter. (Bild: iStockphoto)
Mütter sind für Werber die ideale Zielscheibe. Sie gelten als Finanzministerinnen des Haushalts, sie entscheiden, was wo eingekauft wird – von der Pastasorte bis zum Familienauto.
Aktuell hat es die Versandapotheke «Zur Rose» auf die Mütter abgesehen: «Wo tut's www?», fragt die Kampagne die Digital Moms, die ihre Einkäufe vorzugsweise online erledigen. Doch auch die alleinerziehenden Mütter sind für die Werbung wertvolle Kandidatinnen. Immerhin leben in der Schweiz etwa 182'000 Einelternfamilien – 86 Prozent der Kinder wachsen nach der Trennung bei ihrer Mutter auf. Die Marketing-Plattform «Women at NBCU» hat ihre Erkenntnisse über alleinerziehende Mütter jetzt so zusammengefasst, dass es Werbern künftig leichter fallen sollte, diese Gruppen anzusprechen.
1. Erkenntnis: Alleinerziehende sind traditionell – sagten jedenfalls 55 Prozent der Befragten von sich selbst. Denn je hinfälliger die überlieferten Familienmodelle werden, umso heftiger klammert man sich an andere Traditionen. Und isst beispielsweise miteinander.
2. Erkenntnis: Es gibt nicht eine alleinerziehende Mutter, sondern vier.
- Girl Interrupted: Der Typ, welcher der Vorstellung von der aus Versehen schwanger gewordenen jungen Frau am nächsten kommt. Tendenziell hat sie den Eindruck, ihr Leben für den Nachwuchs zu opfern. Doof für die Werber: Sie verfügt nur über ein geringes Einkommen und ist damit nicht die attraktivste und offensichtlichste Zielgruppe. Aber dafür ist sie in der digitalen Welt auf Zack und hat viele Freunde. Nur nicht abschreiben also, da lässt sich was draus machen.
- Dream Girls: Sie ist enthusiastische Mutter, optimistisch, technisch orientiert und – aufpassen, liebes Marketing – hat ein grosses Netzwerk an Freunden und Familie. Klar, die unterstützen sie ja auch bei ihren Betreuungsaufgaben. Indem sie ihren Glauben daran, alles erreichen und vor allem haben zu können, unterfüttern, haben Werber bei ihr schon einen Fuss in der Tür.
- Survivor Mom: Schwierig. Sie ist schon älter, meist entweder geschieden oder verwitwet. Zwar hat sie die Einkaufsmacht, aber finanziell ist sie nicht auf Rosen gebettet. Und dann ist sie auch noch markentreu.
- Secondlife Mom: Herrliches Jagdgebiet. Dieser Typ ist meist geschieden und schon etwas reifer, gebildet und arbeitet Vollzeit. Das Portemonnaie ist also etwas besser gefüllt. Und sie ist bereit, etwas mit ihrem Lohn anzustellen, denn endlich geht ihr Leben wieder los. Sie flirtet online, geht mit Freunden aus, kleidet sich neu ein und will natürlich neue Marken entdecken. Sie ist wie ein Teenie, der überrascht werden will, aber mit mehr Geld.
Definition of 'Single Mom' No Longer Singular, or Stigmatized
Dieser Artikel erschien am 18. Oktober auf clack.ch
von: Karin Veit Brändli am: Donnerstag, 15.09.2011
Klug ist, wer dem Druck des Frühförderungwahns standhält und sich damit viel Verdruss erspart.

Sind Sie fit für den Wettbewerb?
Mit dem zehnten Geburtstag unserer Zwillingsbuben war eine Schallgrenze erreicht. Ich fühlte, wir hatten Grosses geleistet in diesen zehn Jahren, jeder für sich alleine, als Paar, zu viert. Wir gratulierten unseren Jungs zum ersten zweistelligen Geburtstag. Und mein Mann und ich gratulierten einander zu den heil überstandenen vergangenen zehn Jahren.
Nie hätten wir uns den Stress ausmalen können, der vor zehn Jahren begann und der endlich spürbar nachlässt. Zwillinge zu haben, ist das eine. Das andere ist, Kinder in unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu haben und in Medien und Umfeld pausenlos einem regelrechten Bombardement mit folgendem Tenor ausgesetzt zu sein: Wie ziehe ich am besten am «Gras», damit es schön und vor allem schneller und besser wächst als alle anderen? Es ist leidlich bekannt: Eine Armada an Kursanbietern aus allen Bereichen der Musik, der Kunst, Kultur und des Sports versucht, den unsicheren Müttern und Vätern beizubiegen, wie und wo genau sie für ihre Sprösslinge einen Vorsprung herausholen könnten. Als Mitglieder der bildungsbewussten Schicht mit leicht zu aktivierenden Gewissensbissen machten wir selbstverständlich mit beim sinnlosen Wettlauf, der vor allem für die Mütter nur eines bedeutet: nervenaufreibenden Stress.
Warnzeichen gab es zwar einige, die mich vor ständiger Hektik infolge Kurse-Heraussuchens und Kinder-Herumfahrens hätten bewahren können. Als Zwillingsmutter liess ich Pekip und Babyschwimmen aus, hielt es dann aber für notwendig, es mit einer Rhythmusgruppe für Dreijährige zu versuchen, um ja nichts zu verpassen. Den Jungs gefiel das gar nicht, sie sassen unter dem Tisch – zum Ärger der Leiterin – und machten sich über den eifrig trommelnden Kreis lustig. Wir gingen nicht mehr hin. Der Eislaufkurs mit den Vierjährigen endete ähnlich, ebenso das BMX-Fahren, mit dem Judo wird es nicht anders gehen. Jedesmal dröhnte der Satz meiner Mutter lauter in meinen Ohren: «Was du dir für eine Mühe gibst mit deinen Kindern. Ich habe gar nichts mit euch gemacht.» Das stimmt so nicht ganz, im Grundsatz aber schon. Ich sehe meine Mutter vor allem strickend oder lesend vor mir, wenn ich an meine Kindheit denke, jedenfalls völlig ungestresst, ruhig und zufrieden. Wir spielten draussen im Garten. Sie war damals einfach da und kann sich heute als Oma nur über den Aufwand wundern, welchen Mütter meinen betreiben zu müssen, um als gute Mutter zu gelten. Natürlich sind wir zusätzlich oft berufstätig, das war meine Mutter auch nicht und war damit «doppelt entstresst» im Vergleich zu meinem Kinderkurs- und Jobgehetze.
Ja, ich war gewarnt und hörte nicht, die modernen Einflüsterer waren zu stark und ich vom Gerenne zu geschwächt, um mit demselben aufzuhören; um auf die Fragen der anderen Mütter von Sechsjährigen nach dem «Musikinstrument», das zu spielen ist, und nach dem «Sport», der zu treiben ist, einfach cool zu antworten: kein Musikinstrument, kein Sport, sie spielen einfach ums Haus herum. Das traut man sich nicht, das geht nicht an. Jede kleinste Regung der Kinder wird von den Eltern zum Anlass für ein riesiges Interesse genommen. Der Sohn trommelt gern? Ab in den teuersten Privatunterricht für Schlagzeug vor Ort, denn die Musikschule nimmt erst Kinder ab der zweiten Klasse in den Schlagzeugunterricht auf. Erst ab der zweiten Klasse! Haben die noch nie etwas von Frühförderung gehört? Wie dumm wir waren, wie viel Geld wir hinausgeworfen haben! Denn der Sohn spielt nicht mehr Schlagzeug, er würde am liebsten gar kein Instrument spielen, was wir immer noch nicht zulassen können (er «entschied» sich nun notgedrungen für ein anderes Instrument).
Bald können wirs, müssen wir es können. Eine Schallgrenze ist erreicht. Trotz all unserer Bemühungen, am «Gras» zu ziehen und es wunschgemäss hinzubiegen, sind die Kinder nun zehn Jahre alt geworden und fähig, ihren eigenen Willen gegen das Elterninteresse durchzusetzen. Der schwindende Einfluss erleichtert auf eine seltsame Art. Man gibt sich endlich die Erlaubnis, damit aufzuhören, irrwitzige Erwartungen zu erfüllen; man darf aufhören, das Kind sportlich, musikalisch, sprachenbegabt und kreativ zu machen, alles gleichzeitig und auf Teufel komm raus. Man darf das grössere Kind endlich denjenigen Menschen sein und werden lassen, der oder die es sein möchte.
Diese Gelassenheit hätte ich gerne zehn Jahre früher gehabt. Eine schwangere Arbeitskollegin wurde neulich beim Kinderwagenkauf gefragt, «welchen Typ Mutter» sie denn «verkörpern» möchte. Dann nämlich könne sie, die Verkäuferin, das Modell bestimmen, welches angeschafft werden soll. Offenbar muss man zwischen dem gesellschaftlich geforderten engagiert-munteren und vielleicht einem eher inaktiv-schlaffen«Muttertyp» wählen. Meine Mutter «wählte» ganz sicher Letzteres, machte jedoch keinen Hehl daraus und ich kann nur sagen, ich hatte eine überaus glückliche Kindheit, welche mich mit Wurzeln und Urvertrauen für den Rest meines Lebens ausstattete. Wer diesen «Muttertyp» heute wählt, ist in unserer Gesellschaft mutig und auch klug. Klug, wer die Kinder in Ruhe und sie ihre eigenen Spiele finden lässt. Klug, wer sämtliche Kursbesuche und Vereinsmitgliedschaften um einige Jahre nach hinten verschiebt, bis die Kinder ein echtes Eigeninteresse aufbringen und vielleicht sogar selber mit dem Velo hinfahren können. Klug, wer die Kinder ein wenig warten und für ihr Interesse kämpfen lässt, anstatt jedem nebenbei geäusserten Wunsch Folge zu leisten, aus Angst, wichtige Wesenszüge verkümmern zu lassen. Klug, wer sich die grosse Freude und den Stolz auf die Kinder nicht verderben lässt durch Nadelstiche des schlechten Gewissens, welches einem einflüstert, man täte niemals genug für den Nachwuchs. Geben wir es doch zu: Wir haben alle ganz normale Kinder und keine Wunderkinder, deren allein dieser Förderwahnsinn würdig wäre. Die Mehrheit braucht diesen Irrsinn in dem gegenwärtigen Masse nicht und schon gar nicht von frühester Kindheit an, so viel habe ich gelernt.
Wir sind jedenfalls gespannt, was unseren Söhnen in den nächsten zehn Jahren so einfällt, nachdem die Zeit bald vorbei ist, in der sie vor allem machen mussten, was ihren Eltern so einfiel. Das war, ausser Sport und Musikinstrument, zwar allerhand mehr und hoffentlich auch fürs Leben Bleibendes. Mein Mann und ich stellen uns jedenfalls vor, dass diese nächsten zehn Jahre nicht halb so anstrengend werden dürften wie die vergangenen zehn. Auch wenn Gesellschaft, andere Eltern und Medien bereits wieder auf uns einstürzen und «die Pubertät» als das Schreckgespenst schlechthin darstellen. Die Panikmache kann uns dieses Mal gestohlen bleiben.
Autorin
Karin Veit Brändli ist Redakteurin in einem Lehrmittelverlag und schreibt gelegentlich für verschiedene Zeitschriften. Sie ist verheiratet und Mutter von zehnjährigen Zwillingsbuben.
Sommerpause: Die besten Blog-Beiträge reloaded
von: Monique Brunner am: Mittwoch, 17.08.2011
Kaiserschnittmütter sind Mütter zweiter Klasse. Warum eigentlich?

Wenn ich das Wort Kaiserschnitt höre, fallen mir spontan die Begriffe Schmerz, Übelkeit, hilflos, schwach, gebrechlich ein: Fragebogen Userin 11.
Meine Tochter und ihr sechsjähriger Cousin führten jüngst ein Gespräch, wie Kinder auf die Welt kommen. «Mein Baby kommt bald hier raus», erklärte meine Kleine und zeigte auf den Bauch, den sie mit einem Kopfkissen gestopft hatte. «Iwo!», erwiderte ihr Cousin. «Die Babys kommen da raus, wo der Bisi rauskommt. Ganz da unten. Hier!» Meine Tochter schaute verdutzt drein. «Nein, das Baby ist doch kein Gaggi!», lachte sie und zog das Kissen unter ihrem Pulli hervor.
Für meine Tochter ist klar, dass Babys direkt aus der aufgeschnittenen Bauchdecke geholt werden. Sie und ihr Bruder wurden via Kaiserschnitt entbunden – eine grosse Narbe zeugt im wahrsten Sinn des Wortes von den grossen Einschnitten in meinem Leben. Die Kleine hat die Vernarbung hautnah mitverfolgt, das grosse Pflaster, die Naht gesehen, die Narbe miteingesalbt. Für sie hat der Kaiserschnitt ein Gesicht.
Bei meiner Tochter war der Kaiserschnitt geplant, sie lag in Beckenend- oder Steisslage. Bei meinem Sohn wollte ich eine Vaginalgeburt versuchen. Da sein grosser Kopf aber steckenblieb und die Wehen während zweier Tage keinen Fortschritt brachten, nahm er denselben Weg wie die Schwester. Beide Kaiserschnitt-Geburten waren für mich in keiner Weise traumatisch, dies sicherlich auch, weil ich mich mit dem Thema Kaiserschnitt vor der ersten Geburt ausgiebig auseinandersetzen konnte.
Manche der 162 Frauen im Alter von 20 bis 77 Jahren, die an dem Buchprojekt «Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht» teilgenommen haben, empfanden den Eingriff anders als ich. Viele von ihnen haben negative Erfahrungen mit der (ungeplanten) Schnittgeburt gemacht, fühlten sich ausgeliefert und laut Aussagen als «Versagerinnen». 44 Prozent sagten, der operative Eingriff habe die Mutter-Kind-Bindung gestört. 42 Prozent erlebten den Kaiserschnitt als Trauma.
Mein «Trauma» rührte eher daher, dass ich beim Rückbildungsturnen und in Gesprächen mit Vaginalgebärenden als Mama zweiter Klasse behandelt wurde. Gepriesen wurden diejenigen Mütter, die eine PDA verweigert hatten und die Geburtsschmerzen durchlitten hatten. Natur pur. Echtheit versus Künstlichkeit. Ich war das Weichei, eine, die das Schonprogramm gewählt, die ihr Kind ohne Vorwarnung aus dem Bauch herausgeschnitten hatte und welcher der sogenannte Love Channel wichtiger als das Kind war.
Da stand und turnte ich also, im Minenfeld Mutterschaft, und fragte mich: Ist es nicht einerlei, wie das Kind zur Welt kommt? Geht es nicht in erster Linie um das Wohl von Mutter und Kind? Warum sind Mütter automatisch Versagerinnen, wenn sie ihre Kinder nicht vaginal gebären? Ist es Ausdruck von Verunsicherung, weil in der Schweiz bereits jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt kommt?
Sommerpause: Die besten Blog-Beiträge reloaded
von: Nathalie Sassine am: Montag, 15.08.2011
Der Kinderwunsch bei Lesben und Schwulen gilt oft als egoistisch. Wieso?

Ist Elton John egoistisch, weil er sich ein Kind wünscht?
Nicht erst seit Elton John (63) Vater wurde, wird Kritik laut. Kritik an immer älteren Vätern, Kritik an der Reproduktionsmedizin (John und sein Partner hatten eine Leihmutter) und vor allem hören wir vermehrt Kritik an homosexuellen Paaren, die Kinder wollen. Sie seien egoistisch, denn für das Kindeswohl sei es im Zweifelsfalle schädlich, gleichgeschlechtliche Eltern zu haben. Die EVP-Nationalrätin Maja Ingold meinte in der NZZ letzten Sommer, die «männlich-weibliche Doppelstruktur» sei Voraussetzung für die gesunde mentale Entwicklung eines jungen Menschen.
Die Politik verhilft Schwulen und Lesben nicht nur in der Schweiz zu einem schlechten Ruf in Sachen Kinderkriegen. Mit seinen Äusserungen über die Familienplanung schwuler und lesbischer Paare hat auch Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) kurz vor Weihnachten in Deutschland für Empörung gesorgt. Er hatte der «Berliner Zeitung» gesagt, er «glaube nicht, dass sich Kinder wünschen, in einer homosexuellen Partnerschaft aufzuwachsen». Die Bedürfnisse homosexueller Paare müssten in diesem Punkt hinter dem Kindeswohl zurückstehen.
Letztes Jahr fand das Thema auch im Film Anklang: «The kids are allright», der Ende 2010 in den Schweizer Kinos lief, wies einige egoistische Züge auf: Bis zu ihrer Volljährigkeit wussten die Kinder nicht, wer ihr Vater ist und den beiden Müttern wäre es am liebsten gewesen, wenn das so geblieben wäre. Sie wollten ihre Kinder für sich, und nur für sich.
Tatsache ist, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, Kinder zu wollen. Weder bei Heteros noch bei Homos. Und schon gar nicht geht es beim Kinderwunsch darum, es für das Kind zu tun. Jeder Kinderwunsch ist an sich egoistisch. Die Gründe sind vielfältig: Meine biologische Uhr tickt, ich bin in einer Grossfamilie aufgewachsen und will deshalb auch Kinder, ich bin ein Einzelkind und will eine grosse Familie oder ich habe endlich den perfekten Vater für mein Kind. Es läuft immer auf dassselbe hinaus: Ich, ich, ich!
Es ist die Natur, die uns den Kinderwunsch diktiert, in erster Linie uns Frauen. Also kommt es vor, dass wir uns von einem Tag auf den anderen in dieses Jöh-Monster verwandeln, das bei jedem Kinderwagen feuchte Augen kriegt und nur noch schwangere Frauen sieht. Hormone lassen sich nun mal schlecht steuern.
Und nun meine Frage: Wieso sollte das bei Schwulen und Lesben anders sein? Wieso erachten wir ihren Wunsch nach Nachkommen als egoistisch und unterstellen ihnen, das Kindeswohl zu vernachlässigen? Haben sie eine andere Biologie, weil sie mit Gleichgeschlechtlichen koitieren? Sollten wir als Gesellschaft und der Staat als Gesetzgeber nicht einfach dafür sorgen, dass Kinder zu ihrem Recht kommen und auch Homosexuelle als «echte» Eltern angesehen werden, anstatt sie zu verurteilen? Was meinen Sie?
Sommerpause: Die besten Blog-Beiträge reloaded
von: Nathalie Sassine am: Donnerstag, 04.08.2011
Alle meine Freundinnen sind Mütter. Oder ist es andersrum? Sind Frauen ohne Nachwuchs einfach nicht mehr meine Freundinnen? Huhn oder Ei?
Wenn ich mich mit Freundinnen treffe, geht es uns in erster Linie darum, dem (Mutter)-Alltag zu entfliehen. Es wird erst beim Digestif über Kinder gesprochen – wenn überhaupt. Das ist eine unausgesprochene Regel zwischen uns. Als wären Kinder das Letzte, was uns verbindet. Dies trifft jedoch nur teilweise zu.
Die meisten meiner Freundinnen kenne ich schon aus der Zeit vor dem Mutterglück. Als wir noch ein Leben hatten, in dem Theater ohne Kasperlis, Kino ohne grünen Oger und Restaurants ohne Spielecken auskamen. Ergo zieht das Argument "Mütter verkehren nur mit Müttern" bei uns nicht.
Und doch frage ich mich, wo denn jene Frauen aus meinem Leben geblieben sind, die bis heute, trotz extrem laut tickender biologischer Uhr, keine Kinder haben.
Ob Afrika-Liebhaberin, die ihr Leben im Busch verbringen will oder Rösselerin, die in den geliebten Vierbeinern ihre Kinder sieht, oder die ungewollt Kinderlose, die sich nun definitiv für ein Leben mit Mini Cooper statt Minnie Mouse entschieden hat: Es gibt viele Gründe, keine Kinder zu haben. Doch ist dieser Zustand Grund genug, sich auseinanderzuleben? Eine Freundschaft einfach versanden zu lassen? Sicher ist, dass das Thema "Kinderlos glücklich" die Gemüter erhitzt und die Unterschiede der Mentalitäten grösser nicht sein könnten.
Oft scheinen kinderfreie (die, die freiwillig ohne Nachwuchs leben) Freunde vordergründig sehr verständnisvoll uns armen, gefangenen Eltern gegenüber. Verständlich, dass wir lieber mit anderen Familien etwas unternähmen, schliesslich könnten die Kleinen zusammen spielen. Und logisch, dass ich lieber mit dieser einen Freundin verkehre, schliesslich hätten wir gleichaltrige Kinder. Ich muss dann immer eingreifen und klarstellen, die besten Momente mit dieser Frau seien die, bei denen unsere Kinder nicht anwesend sind! Dann haben wir nämlich endlich wieder Zeit, ein Gespräch zu Ende zu führen, ohne dauernd unterbrochen zu werden von "Ich hatte es zuerst!" oder "Ich muss gaaaanz dringend Pipiii!"
Doch das Verständnis verdeckt das Tabuthema, das zwischen uns steht: Das Wieso. Wieso wollt ihr denn keine Kinder? Geht gar nicht. Denn entweder haben sie keine Lust, sich zu rechtfertigen. Oder das Paar ist sich gar nicht so einig über das Thema, sie will, er aber nicht. Ich habe auch schon erlebt, dass sie nur so tat, als wolle sie keine Kinder und mir heimlich anvertraute, sie hoffe, ihren Mann auf diese Weise rumzukriegen. Vielleicht weil er ihr einfach gerne widerspricht. Wie auch immer, mit Kinderfreien reden wir über alles andere, wogegen ich natürlich nichts einzuwenden habe, aber Tabus zwischen Freunden überdauern eine Freundschaft leider. Also lebt man sich auseinander und schiebt dem Kinderwunsch die Schuld in die Schuhe. Denn es ist schon so, wie Barbara Klingbacher in der NZZ Online und im Nido es so schön formulierte: "Den Kinderwunsch sucht man sich nicht aus." Die Freunde schon.
Wie sieht es bei Ihnen aus? Verkehren Sie noch mit kinderfreien Freunden? Was verändert sich in einer Freundschaft, wenn Kinder kommen, oder eben nicht?
von: Désirée Seuret am: Freitag, 01.07.2011
Nicht jede Frau weiss mit Babys umzugehen. Nicht jede Mutter versteht das.

Das Motto der Kinderlosen: Augen zu und durch!
Ein angebliches Naturgesetz: Das Weibchen ist für die Nachwuchsaufzucht da. Die Frau hat einen natürlichen Mutterinstinkt, und der Umgang mit Babys ist ihr angeboren. Irrtum! Es gibt Frauen, wie ich, die fühlen sich mit Bébés total überfordert. Nur weil ich Kinder kriegen kann, muss ich noch lange nicht wissen, was ich mit ihnen anstellen soll. Als (Noch-)Nicht-Mutter schäme ich mich nicht dafür. Denn ich bin überzeugt, gewisse Instinkte weckt erst das eigene Kind. Aber Frauen, die bereits im Mutterglück schwelgen, scheinen das anders zu sehen...
Im Zug von Zürich nach München sitzt mir eine junge Mutter mit ihrem halbjährigen Sohn gegenüber. Ihre Augenringe verraten, dass der Junge seine Stimmbänder mit nächtlichen Schreiproben intensiv trainiert. Dann kommt, was auf einer längeren Zugfahrt halt vorkommt: Mama muss mal. «Können Sie ihn eben nehmen?!» Bevor ich Luft holen kann – ähm, lieber nicht! –, halte ich den Kleinen in meinen Armen. Mama hat den Wagen so schnell Richtung WC verlassen, als könne sie es nicht erwarten, ihren Sprössling loszuwerden. Und jetzt?
Ich weiss, dass man Babys nicht am Kopf drücken soll, da befinde sich so etwas wie ein «Selbstzerstörungsknopf» – die offene Schädeldecke, nur mit feiner Haut überzogen. Aber hier endet mein Baby-Latein bereits. Vielleicht in die «Wiegeposition»? Den linken Ellbogen unter das Köpfchen schieben und mit dem rechten Arm verhindern, dass der Kleine runterfällt. Hm, das scheint dem Herrn nicht zu passen. Er kneift die Augen zusammen und um seinen Mund beginnt es bedrohlich zu zucken. Nein, nicht los schreien – Bitte! Innerlich flehe ich den Kleinen an. Doch dann reisst er sein Maulwerk auf und beginnt zu plärren. Positionswechsel. Aber weder «Hoppe-Hoppe-Reiter» noch Plüschrassel können Monsieur Schreihals beruhigen. Wieso kann man Babys nicht ausschalten?
Endlich naht die Retterin. Einmal Köpfchen Richtung Schulter halten, Rücken tätscheln, mit Plüsch-Winnie-the-Pooh wedeln und der Sohnemann strahlt, als könne ihn kein Wässerchen trüben. Super, eine kurze Instruktion hätte wohl gereicht, damit der ganze Zweite-Klasse-Wagen nicht in den Genuss eines Schreikonzerts erster Güte gekommen wäre.
Liebe Mütter, habt Erbarmen mit uns Kinderlosen! Nur weil wir Frauen sind, kann nicht jede mit einem Kind umgehen. Fragen Sie uns zuerst, bevor Sie uns Ihren Nachwuchs in die Hände drücken, und warten Sie auch bitte schön die Antwort ab. Danke fürs Verständnis.
Autorin
Désirée Seuret arbeitet zurzeit als Praktikantin bei wir eltern. Sie studiert Journalismus und Organisationskommunikation an der ZHAW in Winterthur und ist kinderlos – wenn man «das Kind in der Frau» nicht beachtet.
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