Mission impossible

von: Monique Brunner am: Donnerstag, 29.09.2011

Sie denken, eine Geburt ist eine Grenzerfahrung? Dann beziehen Sie mal mit zwei Kleinkindern eine neue Wohnung. Der Umzug wird Sie fast umbringen.

Züglete heisst: Wenn man vor lauter Kisten den Umzug nicht mehr sieht. (Bild: iStockphoto)

Wenn sie mich aus meinem neuen Heim wieder heraushaben wollen, müssen sie mich hinaustragen, freiwillig werde ich es nicht verlassen. Nicht, weil das neue Daheim ein Schnäppchen oder Bijou auf dem Zürcher Immobilienmarkt oder aber eine 10-Zimmervilla mit Seesicht und riesigem Umschwung wäre. Nein. Der Grund ist: Ich weigere mich, ein weiteres Mal mit Kind und Kegel umzuziehen. Ein Umzug ist an und für sich genug anstrengend, mit Kleinkindern aber eine «Mission impossible».

«Lassen Sie Ihr Kind am Umzug teilhaben, geben Sie ihm eine Schachtel, darin es seine Habseligkeiten verstauen kann» empfehlen die Umzugsfirmen in ihrer Broschüre wohlmeinend. «Ha!», sag ich da. Mein Mädel dachte nicht im Traum daran, seine sieben Sachen in eine Kiste zu legen. Sie wollte nämlich überhaupt nicht umziehen, warum sollte sie also mithelfen einzupacken geschweige auszumisten? «Nein, der gehört mir, den brauch ich noch!», schrie sie, während sie mir einen Body der Grösse 62 aus der Hand riss. Zur Erinnerung: Meine Tochter ist 4-jährig und sprengt einen Babybody ebendieser Grösse.

Also strichen wir die Kinder aus unserer Umzugsplanung. Aber wer sollte auf unsere Kleinen aufpassen? Alle Verwandten und Bekannten weilten in den Sommerferien, und die Krippe war geschlossen. Richtig, wir kümmerten uns um die Kinder. Wir leben ja NICHT in einem Dorf. Darum: Jeweils einer von uns fuhr mit den Kleinen fort, sodass der andere zuarbeiten konnte.

Als dann der grosse Umzugstag endlich anstand, waren wir mit unseren Kräften und Nerven am Ende. Dafür waren am Tag der Entscheidung für einmal die Kinder fremdbetreut. Der Tag war lang und brütend heiss – und wollte nicht enden. Der Versuch, das Kinderzimmer bereits einzurichten, sodass die Kleinen in der neuen Wohnung Altbekanntes vorfinden würden, scheiterte daran, dass ich in der alten Wohnung damit beschäftigt war, unsere restlichen Waren einzupacken. Nein, wir haben wirklich nicht so viele Sachen...

Am neuen Ort wiederum sollten unsere Kinder endlich teilhaben am Umzug und kräftig beim Einräumen und Einrichten mithelfen dürfen. Unser knapp zweijähriger Sohn schlug mit dem Hammer auf die frisch verputzten Wände ein und rief beglückt: «biiiilder!» und brachte die Büchergestelle ins Wanken: «baueeeee!». Unsere Tochter wiederum riss in ihrer Begeisterung alle Kleider, Bilder und Bücher aus den Kisten und verteilte sie grosszügig auf dem Boden. Kurzum: Unser neues Daheim sah innert kürzester Zeit wie eine Müllkippe aus.

Seither sind ein paar Wochen vergangen, der Müll ist beseitigt und wir beginnen uns am neuen Ort wohl zu fühlen. Die Wohnung haben wir in Abend- und Nachtarbeit eingerichtet und gehämmert und gebohrt, wenn immer die Kinder draussen waren. Sollte die sogenannte Seefeldisierung schliesslich auch unser Quartier erfassen, werden sie mich aus dieser Wohnung tragen oder prügeln müssen, denn – wie gesagt – freiwillig ziehe ich in meinem Leben nie mehr um.

Was Mutter alles lernt

von: Karin Veit Brändli am: Donnerstag, 15.09.2011

Klug ist, wer dem Druck des Frühförderungwahns standhält und sich damit viel Verdruss erspart.

Sind Sie fit für den Wettbewerb?

Mit dem zehnten Geburtstag unserer Zwillingsbuben war eine Schallgrenze erreicht. Ich fühlte, wir hatten Grosses geleistet in diesen zehn Jahren, jeder für sich alleine, als Paar, zu viert. Wir gratulierten unseren Jungs zum ersten zweistelligen Geburtstag. Und mein Mann und ich gratulierten einander zu den heil überstandenen vergangenen zehn Jahren.

Nie hätten wir uns den Stress ausmalen können, der vor zehn Jahren begann und der endlich spürbar nachlässt. Zwillinge zu haben, ist das eine. Das andere ist, Kinder in unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu haben und in Medien und Umfeld pausenlos einem regelrechten Bombardement mit folgendem Tenor ausgesetzt zu sein: Wie ziehe ich am besten am «Gras», damit es schön und vor allem schneller und besser wächst als alle anderen? Es ist leidlich bekannt: Eine Armada an Kursanbietern aus allen Bereichen der Musik, der Kunst, Kultur und des Sports versucht, den unsicheren Müttern und Vätern beizubiegen, wie und wo genau sie für ihre Sprösslinge einen Vorsprung herausholen könnten. Als Mitglieder der bildungsbewussten Schicht mit leicht zu aktivierenden Gewissensbissen machten wir selbstverständlich mit beim sinnlosen Wettlauf, der vor allem für die Mütter nur eines bedeutet: nervenaufreibenden Stress.

Warnzeichen gab es zwar einige, die mich vor ständiger Hektik infolge Kurse-Heraussuchens und Kinder-Herumfahrens hätten bewahren können. Als Zwillingsmutter liess ich Pekip und Babyschwimmen aus, hielt es dann aber für notwendig, es mit einer Rhythmusgruppe für Dreijährige zu versuchen, um ja nichts zu verpassen. Den Jungs gefiel das gar nicht, sie sassen unter dem Tisch – zum Ärger der Leiterin – und machten sich über den eifrig trommelnden Kreis lustig. Wir gingen nicht mehr hin. Der Eislaufkurs mit den Vierjährigen endete ähnlich, ebenso das BMX-Fahren, mit dem Judo wird es nicht anders gehen. Jedesmal dröhnte der Satz meiner Mutter lauter in meinen Ohren: «Was du dir für eine Mühe gibst mit deinen Kindern. Ich habe gar nichts mit euch gemacht.» Das stimmt so nicht ganz, im Grundsatz aber schon. Ich sehe meine Mutter vor allem strickend oder lesend vor mir, wenn ich an meine Kindheit denke, jedenfalls völlig ungestresst, ruhig und zufrieden. Wir spielten draussen im Garten. Sie war damals einfach da und kann sich heute als Oma nur über den Aufwand wundern, welchen Mütter meinen betreiben zu müssen, um als gute Mutter zu gelten. Natürlich sind wir zusätzlich oft berufstätig, das war meine Mutter auch nicht und war damit «doppelt entstresst» im Vergleich zu meinem Kinderkurs- und Jobgehetze.

Ja, ich war gewarnt und hörte nicht, die modernen Einflüsterer waren zu stark und ich vom Gerenne zu geschwächt, um mit demselben aufzuhören; um auf die Fragen der anderen Mütter von Sechsjährigen nach dem «Musikinstrument», das zu spielen ist, und nach dem «Sport», der zu treiben ist, einfach cool zu antworten: kein Musikinstrument, kein Sport, sie spielen einfach ums Haus herum. Das traut man sich nicht, das geht nicht an. Jede kleinste Regung der Kinder wird von den Eltern zum Anlass für ein riesiges Interesse genommen. Der Sohn trommelt gern? Ab in den teuersten Privatunterricht für Schlagzeug vor Ort, denn die Musikschule nimmt erst Kinder ab der zweiten Klasse in den Schlagzeugunterricht auf. Erst ab der zweiten Klasse! Haben die noch nie etwas von Frühförderung gehört? Wie dumm wir waren, wie viel Geld wir hinausgeworfen haben! Denn der Sohn spielt nicht mehr Schlagzeug, er würde am liebsten gar kein Instrument spielen, was wir immer noch nicht zulassen können (er «entschied» sich nun notgedrungen für ein anderes Instrument).

Bald können wirs, müssen wir es können. Eine Schallgrenze ist erreicht. Trotz all unserer Bemühungen, am «Gras» zu ziehen und es wunschgemäss hinzubiegen, sind die Kinder nun zehn Jahre alt geworden und fähig, ihren eigenen Willen gegen das Elterninteresse durchzusetzen. Der schwindende Einfluss erleichtert auf eine seltsame Art. Man gibt sich endlich die Erlaubnis, damit aufzuhören, irrwitzige Erwartungen zu erfüllen; man darf aufhören, das Kind sportlich, musikalisch, sprachenbegabt und kreativ zu machen, alles gleichzeitig und auf Teufel komm raus. Man darf das grössere Kind endlich denjenigen Menschen sein und werden lassen, der oder die es sein möchte.

Diese Gelassenheit hätte ich gerne zehn Jahre früher gehabt. Eine schwangere Arbeitskollegin wurde neulich beim Kinderwagenkauf gefragt, «welchen Typ Mutter» sie denn «verkörpern» möchte. Dann nämlich könne sie, die Verkäuferin, das Modell bestimmen, welches angeschafft werden soll. Offenbar muss man zwischen dem gesellschaftlich geforderten engagiert-munteren und vielleicht einem eher inaktiv-schlaffen«Muttertyp» wählen. Meine Mutter «wählte» ganz sicher Letzteres, machte jedoch keinen Hehl daraus und ich kann nur sagen, ich hatte eine überaus glückliche Kindheit, welche mich mit Wurzeln und Urvertrauen für den Rest meines Lebens ausstattete. Wer diesen «Muttertyp» heute wählt, ist in unserer Gesellschaft mutig und auch klug. Klug, wer die Kinder in Ruhe und sie ihre eigenen Spiele finden lässt. Klug, wer sämtliche Kursbesuche und Vereinsmitgliedschaften um einige Jahre nach hinten verschiebt, bis die Kinder ein echtes Eigeninteresse aufbringen und vielleicht sogar selber mit dem Velo hinfahren können. Klug, wer die Kinder ein wenig warten und für ihr Interesse kämpfen lässt, anstatt jedem nebenbei geäusserten Wunsch Folge zu leisten, aus Angst, wichtige Wesenszüge verkümmern zu lassen. Klug, wer sich die grosse Freude und den Stolz auf die Kinder nicht verderben lässt durch Nadelstiche des schlechten Gewissens, welches einem einflüstert, man täte niemals genug für den Nachwuchs. Geben wir es doch zu: Wir haben alle ganz normale Kinder und keine Wunderkinder, deren allein dieser Förderwahnsinn würdig wäre. Die Mehrheit braucht diesen Irrsinn in dem gegenwärtigen Masse nicht und schon gar nicht von frühester Kindheit an, so viel habe ich gelernt.

Wir sind jedenfalls gespannt, was unseren Söhnen in den nächsten zehn Jahren so einfällt, nachdem die Zeit bald vorbei ist, in der sie vor allem machen mussten, was ihren Eltern so einfiel. Das war, ausser Sport und Musikinstrument, zwar allerhand mehr und hoffentlich auch fürs Leben Bleibendes. Mein Mann und ich stellen uns jedenfalls vor, dass diese nächsten zehn Jahre nicht halb so anstrengend werden dürften wie die vergangenen zehn. Auch wenn Gesellschaft, andere Eltern und Medien bereits wieder auf uns einstürzen und «die Pubertät» als das Schreckgespenst schlechthin darstellen. Die Panikmache kann uns dieses Mal gestohlen bleiben.

Autorin
Karin Veit Brändli ist Redakteurin in einem Lehrmittelverlag und schreibt gelegentlich für verschiedene Zeitschriften. Sie ist verheiratet und Mutter von zehnjährigen Zwillingsbuben.


 

«Immer diese Hausaufgaben!»

von: In Zusammenarbeit mit Kathrin Buholzer am: Dienstag, 13.09.2011
Tags: HausaufgabenhelfenSchuleStress

Hausaufgaben belasten täglich die Eltern-(Schul)Kind-Beziehung. Wie Sie diesen Kampf friedlich überstehen, erfahren Sie im Video von elternplanet.ch.

Das neue Schuljahr ist bereits ein paar Wochen alt und die Sommerferien sind nur noch eine schöne Erinnerung. Schon ist er wieder da, der Stress mit den Hausaufgaben. Damit Sie die Nerven und Ihre Kinder ihre Tränen behalten, hier ein paar Anregungen von Kathrin Buholzer.

Frühstück à la carte

von: Andrea Strahm am: Donnerstag, 17.02.2011

Wie starten Sie in den Tag: Happy? Grantig? Ohne Frühstück? Mit Turnsack? Gehetzt oder easy?

Ein altes Sprichwort besagt: Morgens sollst Du essen wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettler.

Gestern erfuhr ich, dass meine jüngere Tochter bei einem Gespräch mit Gleichaltrigen denen mitgeteilt hat, dass sie «nie» alleine frühstücken müsse, ich immer aufstehen und ihr Frühstück machen würde. Das kam offenbar positiv von ihr rüber, sie scheint es also zu schätzen. Das gab mir zu denken. Tatsache ist: Wenn sie früher aufstehen muss als ich, dann schaffe ich es gar nicht, liegen zu bleiben. Meistens auch am Wochenende nicht. Das war auch bei meiner ältern Tochter so, bevor sie ihren Freund hatte. Daran, dass sie es mit 17 Jahren auch ohne mich schaffen würden zu frühstücken, habe ich nicht den geringsten Zweifel. Darum geht es nicht.

Als die Kinder klein waren, ging ich sehr früh zur Arbeit und sah sie am Morgen nicht. Mein Partner nahm sie auf, frühstückte mit ihnen und brachte sie zur Tagesmutter. Dank meiner Frühschicht konnte ich sie kurz nach dem Mittagessen holen und den restlichen Tag mit ihnen verbringen.

Es kam die Schulzeit, und ich konnte kaum mit ansehen, wie sie schlafwandlerisch aufstanden, im Bad verschwanden und nichts essen mochten. Also weckte ich sie, machte ihnen Frühstück, ass mit ihnen und ging etwas später zur Arbeit. Das gefiel mir – vor allem als sie später mittags gar nicht mehr nach Hause kommen konnten. So sah ich sie immerhin am Morgen rasch und konnte schauen, dass der Tagesstart gut gelang.

Aber das scheint nicht überall gleich zu laufen. Eine Kollegin, die nur sporadisch ausser Haus arbeitet, hat es auf den Punkt gebracht: «Ich stehe in aller Herrgottsfrühe auf, mache Frühstück und jage missmutige Kinder aus dem Haus, um zehn nach sieben ist das Haus leer, ich bin wach und doch erledigt, was soll ich denn dann tun? Putzen und bügeln? Das kann ich ja noch den ganzen lieben Tag lang. Also mache ich abends alles parat und schlafe länger, da haben alle mehr davon.»

Das ist verständlich, irgendwie. Tatsache ist, dass ich relativ früh schlafen gehen muss, um dieses Pensum durchzustehen. Wer länger schlafen kann, ist abends fit, und das bin ich unter der Woche eigentlich nicht. Meine Nachbarin, die ähnlich arbeitet wie ich, löst das Problem mit einem Mittagsschlaf. Das habe ich eine Zeitlang auch versucht, und das ist eigentlich eine gute Sache. Allerdings nur, wenn es einigermassen ruhig zu und her geht, denn sonst ist nichts mit wegdämmern.

Manche Eltern scheinen morgens auch ausnehmend schlechter Laune zu sein. Jedenfalls hat sich eine Freundin meiner älteren Tochter entsprechen geäussert: Sie stehe möglichst spät auf, frühstücke nie und die Zähne putze sie in der Regel auch nicht, denn die Mutter schimpfe doch nur übelgelaunt rum und das Badezimmer sei ewig besetzt. Mir gegenüber hat die fragliche Mutter sich beklagt, wie mühsam das sei, bis alle angezogen seien am Morgen, mit den richtigen Kleidern, den Turnsack nicht vergessen und so weiter, sie sei jeweils fix und fertig, bis alle aus dem Haus seien. Auf meine Frage hin, ob denn der Vater der Kinder nicht mal übernehmen könne, schrie sie nur auf: Dann hätten die Kinder die seltsamsten Kleider an, das ginge nie.

Nun habe ich mich nie um die Kleider der Kinder am Morgen gekümmert, denn als man die ihnen noch geben musste, war ich schon im Büro und ihr Vater schaffte es offensichtlich. Griff er allzu sehr daneben, wehrten sie sich ziemlich früh selber, wie er mir grinsend bestätigte. Seitdem ich also mit meinen Kindern frühstücke, kann ich das ohne Mahnfinger tun. Das Einzige, wozu ich sie wirklich angehalten habe, ist das Frühstück selber und dass sie nicht mit leerem Magen losziehen sollen. Ich finde es wichtig, dass sie zufrieden in den Tag starten können, so wie ich auch. Ich meine: Wenn ich aufgestellt im Büro ankomme, dann packe ich auch den Ärger, der unweigerlich auf mich zukommt, besser und gelassener an. Habe ich schon einen Knoten im Hals, wenn ich den PC starte – wie soll dann der Rest werden? Gilt das aber für Erwachsene, dann muss es erst recht auch für die Schüler und Schülerinnen gelten. Oder nicht?

Ins Gymi oder zur Fürsorge?

von: Ralf Martin am: Dienstag, 21.12.2010

Unter den modernen Eltern gibt es auch Extremisten: Mütter und Väter, für die es keine Zukunft ohne Matura gibt. Kommt Ihnen die Argumentation vertraut vor?

Quo vadis? Im Schulzimmer werden die Weichen für die Zukunft gestellt. (Bild: ©iStockphoto)

«Zum Glück habe ich nur zwei Töchter. Wenn die einigermassen gerade wachsen, dann bin ich schon ganz zufrieden», sagte neulich Ben zu mir, als wir bei einem Feierabendbier zusammensassen. Nun dürfen Sie Ben nicht falsch verstehen. Er ist keineswegs ein Chauvi, der alle Frauen hinter den Herd verbannen möchte. Die Bemerkung zeigt vielmehr auf, wie gross sein Frust über das schweizerische Bildungssystem ist.

Ben ist Deutscher und gehört zu jenen mehreren hunderttausend Menschen, die in den letzten Jahren in die Schweiz eingewandert sind. Er kommt aus einem Land, in welchem über 50% der Primarschüler das Gymnasium besuchen und das Abitur machen. Das schweizerische Bildungssystem mit seinen Lehrabschlüssen, Weiterbildungsmöglichkeiten und Fachhochschulen ist ihm fremd.

So berichtet er, dass die meisten seiner Bekannten – meist gut ausgebildete Immigranten aus Deutschland – alles daran setzen, damit ihre Kinder ins Gymnasium aufgenommen würden. Die Eltern nähmen ihre Kinder am Ende der fünften Primarschulklasse aus der obligatorischen Schule und schickten sie in Privatschulen, welche spezielle einjährige Gymivorbereitungskurse anbieten würden. Da diese einjährigen Lehrgänge oft überbelegt seien, müssten die Kinder am Ende der fünften Klasse eine Aufnahmeprüfung bestehen. Deshalb böten die Privatschulen am Mittwochnachmittag und an Samstagen für Fünftklässler spezielle Kurse an, wo die Kinder auf die Aufnahmeprüfung für das Gymivorbereitungsjahr gedrillt würden. Viele seiner Kollegen, so Ben weiter, seien der Auffassung, dass wenn ein Kind kein Abitur mache, man es gleich bei der Fürsorge anmelden könne.

Auf meinen Einwand, dass man einen deutschen Hauptschulabschluss nicht mit der erfolgreichen Absolvierung einer Sek A in der Schweiz vergleichen könne, meinte Ben nur lakonisch, dass wir in der Schweiz ja keine Ahnung hätten. Er komme aus einem Gebiet, wo es 20% Sockelarbeitslosigkeit gäbe. Wer keine gute Ausbildung habe, finde kaum Arbeit. Jeder deutsche Arbeitgeber, den er kenne, könne mit der Bezeichnung «Sekundarschule» nichts anfangen und würde dies mit «Hauptschulabschluss» gleichsetzen. Er kenne Eltern, die ihre Kinder zur Tante oder zur Oma nach Deutschland schickten, wenn sie in der Schweiz die Gymiprüfung nicht bestehen. Eine gute Ausbildung sei in ihren Augen wichtiger als das Zusammenleben der Familie in der Schweiz. Lediglich neun Jahre obligatorische Schule und ein Lehrabschluss seien in ihren Augen keine Alternative für ein Abitur.

Als ich ihm versuche zu erklären, dass er und seine Kollegen sich mehr mit unserem Bildungssystem auseinandersetzen müssten, erwidert er, dass er und die meisten seiner Bekannten nicht wüssten, ob sie für immer in der Schweiz bleiben würden. Ihre Stellen hätten sie bekommen, weil sie sich in einem harten internationalen Konkurrenzkampf gegen andere Bewerber durchgesetzt hätten. Er zum Beispiel sei besser qualifiziert gewesen als ein Schotte und ein Franzose. Seine Kinder werde er – so gut es gehe – darauf vorbereiten, dass sie im globalen Wettbewerb bestehen könnten. Zum Glück habe er keinen Sohn, der später eine Familie ernähren müsse. Das nähme ihm etwas den Druck.

Darauf wusste ich – ehrlich gesagt – nichts mehr zu antworten. Was hätte ich ihm entgegnen sollen?

Übrigens: Bens Töchter sind fünf und sieben Jahre alt.

Autor
Ralf Martin ist Autor des Väterratgebers «Wache Väter – ein Handbuch für Wochentagväter». Er ist 42 Jahre alt, arbeitet wie seine Frau 60% und verbringt zwei Wochentage Zuhause mit seinen beiden Kindern.

Oh du schreckliche Vorweihnachtszeit

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 17.11.2010

Die Vorweihnachtszeit ist eine besinnliche Zeit. Schön wärs. Ein Aufruf zum Streik.

Oh, du fröhliche? Billy Bob Thornton leidet an der (Vor)Weihnachtszeit.

Die Zeit zwischen Herbstferien und Weihnachten hat ihre ureigene Stimmung. Nebelschwaden, rot-gelbe Wälder, Abende vor dem Cheminée, Kerzenschein, elegante Abendanlässe. Schliesslich die ersten Schneeflocken, die geheimnisvolle Vorweihnachtszeit, gemütliches Basteln und Dekorieren und endlich das Finale, Weihnachten in glücklicher Familie, mit gutem Essen und liebevollen Geschenken. So weit die Werbung.

Fakt ist: Als meine Kinder im Kindergarten-/Primarschulalter waren, war ich an Sylvester regelmässig nur noch ein Wrack. Es fing kurz nach den Herbstferien an: Stundenlang stand ich frierend neben allen möglichen und unmöglichen Bahnen der Basler Herbstmesse und wartete auf Kinder, die irgendwie herumgedreht oder gewirbelt wurden und alles nur nicht nach Hause wollten. Mit der dabei erworbenen, ersten Erkältung höhlte ich in der Folge Kürbisse aus, organisierte Gruselmasken und Vampirzähne, denn amerikanischer Unsinn hin oder her, was alle taten, wollten natürlich auch meine nicht auslassen, nämlich «Spuck oder Spende». War einem definitiv schlecht vor lauter Kürbissuppe, legten die Grossverteiler Räben auf, und es gab einen «Räbeliechtliumzug» im Quartier und einen zweiten in der Innerstadt. Also höhlte man erneut aus, diesmal steinharte Dinger. Meine Fingernägel waren danach definitiv im Eimer, aber immerhin hatten meine Kinder noch alle Finger.

Ende November kam dann das Adventskalender-Fenstertheater: Weil es so unglaublich weihnachtlich ist, wenn bei unseren Reihenhäuschen die Fenster schön dekoriert leuchten, zogen wir Nummern, und an dem Datum der Nummer, die man gezogen hatte, musste ein Fenster mit der Nummer versehen entsprechend aufleuchten. Ein 3-D-Adventskalender sozusagen. Ich verlegte also Kabel, montierte Glühstränge, bastelte Folien und so weiter, schloss alles an eine Zeitschaltuhr an, und wenn es keinen Kurzschluss gab, gehörte ich dazu. Die Häuser wurden und werden auch sonst aufgerüstet auf Teufel komm raus, so dass die Stadt leuchtet wie eine Mischung aus Tiroler Winterchalet und Klein-Disneyland. Es stehen blau leuchtende Rehlein im Garten, Plastikkläuse klettern die Wände hoch und mittels wahnsinnig gefährlicher Akrobatik am Dachhimmel wird verkabelt, was nur geht.

Am 6. Dezember kommt schliesslich Sankt Nikolaus ins leuchtende Heim, also backen Hausfrau und Hausmann Grättimänner oder Grittibänzen, erstellen Lob- und Tadellisten für den je nach Region roten (protestantischen) oder mit Bischoffrobe gestylten (katholischen) Sankt Nikolaus. Dass dazu Oma, Opa, Ätti und Gotte geladen werden, weil man ja ein Publikum benötigt, versteht sich von selbst.

Ist das ausgestanden, hat man mit der Kindergarten- oder Primarschuljugend bereits angefangen, Texte zu pauken, Kronen oder Engelsflügel zu basteln und Liedlein auf Flöten zu üben. Denn die diversen Anlässe und Aufführungen in Kindergarten, Schule, Turnverein und Kirche fordern ihren Tribut. Da steht man dann im überhitzten Raum, lauscht dem Gestotter und Geflöte, und wiegt das Baby im Arm, damit das ja nicht schreit. Und versucht, den verspannten Nacken und die Migräne zu ignorieren.

Kurzum, ist endlich Weihnachten, kriegt man den Abend gerade noch über die Runden. Die Kinder wollen endlich ihre Geschenke, haben schliesslich schon x-mal Weihnachtslieder gesungen und bekerzte Tannen gesehen, in Schule, Altersheim und Kirche. Und die Grosseltern, die lieben, die wollen nicht verstehen, warum keine Stimmung aufkommt, denn früher war das doch völlig anders. War es.

Liebe Eltern, ich rufe Sie hiermit zum Streik auf. Genau das tat ich, als die Jüngste in der Primarschule war und die liebe Lehrerin noch einen drauf gab mit «Schulklassen singen im Altersheim», dreimal abends, eine Woche vor Weihnachten. Ich war derart fix und fertig. Von da an höhlte ich nichts mehr aus, bastelte mit den Kindern nur noch die Weihnachtsgeschenke für die Angehörigen, und dekorierte mit ihnen gerade noch so viel, wie sie mochten. Keine Aufführungen mehr, viel Ruhe und genügend Schlaf – kurzum, ich meldete uns ab.

Seither haben wir eine annährend perfekte Vorweihnachtszeit und ein tolles Weihnachtsfest. Wir sehen die roten-gelben Wälder wieder, die Nebelschwaden, geniessen die ersten Schneeflocken und alle freuen sich wirklich auf Weihnachten.

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