Wenn Kinder Kinder kriegen

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 19.10.2011

Ein Baby ist kein Schnuggeltierchen zum Schmusen, sondern harte Arbeit. Bewahren Sie die Teenager-Tochter davor, dies aus erster Hand erfahren zu müssen.

Wie war das noch mal mit gesunder Ernährung während der Schwangerschaft? Filmausschnitt aus «Juno».

Eine Mitteilung in der Tagespresse. Unprätentiös werden Fälle beschrieben, hinter denen Schicksale stecken. Diesmal lautet die dürre Mitteilung in etwa so: Ein Mädchen, «auf sich alleine gestellt», wird mit 17 schwanger, wird irgendwo aufgenommen und irgendwie betreut, kriegt das Kind, kümmert sich «hingebungsvoll», wird deshalb etwas weniger betreut, nur noch zweimal täglich findet eine Kontrolle statt. Schliesslich schüttelt sie ihr Baby zu Tode, weil sie dessen Geschrei nicht mehr erträgt. Und steht mit 18 Jahren deswegen nun vor Gericht, «auf sich alleine gestellt».

Ich kriege die Sinnkrise. Leben wir eigentlich noch im Mittelalter? Warum in alles in der Welt müssen junge Mädchen ihre befruchteten Eizellen heranreifen lassen und ein Baby auf die Welt stellen? Zumindest in unserer Kultur sind 17-Jährige in aller Regel hinten und vorne noch nicht in der Lage, ein Baby aufzuziehen, unfertig, wie sie noch sind. Ein Baby ist kein Schnuggeltierchen zum Schmusen, sondern harte Arbeit. Vor allem, wenn man noch in Ausbildung ist, vielleicht ins Ausland möchte, erst mal erwachsen werden müsste.

Im Bekanntenkreis meiner Töchter waren es  in den letzten zwei Jahren zwei Mädchen, gleiche Alterskategorie, die Kinder austrugen.

Ich spreche in meiner Aufgewühltheit mit meiner Freundin, etwa zehn Jahre älter als ich. Sie wurde mit 17 schwanger, hatte ihr Kind die ersten Jahre bei ihren Eltern. Sie redet nichts schön: Ihr ganzes Leben sei durch dieses Kind beschwert gewesen. Jedes Kind habe das Recht, als Wunschkind geboren zu werden. Vielleicht ist es dies nicht anlässlich der Zeugung, aber spätestens drei, vier Wochen später sollte es dies sein, sonst wird das nichts. Sie hätte abtreiben sollen. Sagt sie, die es wissen muss. Und deren Tochter, in der gleichen Situation, 18 Jahre später, abtrieb.

Ein Kind ist lebenslänglich. Der Kollegenkreis bricht auseinander, keine Reise, kein Ausgang mehr, ohne dass das mit irgendjemandem abgesprochen werden muss. Mit wem eigentlich? Und damit wären wir bei den werdenden Grossmüttern. Entschuldigung, aber was fällt denen eigentlich ein, ihre Töchter zum Kinderkriegen zu ermuntern? Lassen die sich etwa von der Tochter einen neuen Lebensinhalt gebären? Ein Spielzeug tagsüber, wenn man mag, nachts ist dann die Tochter dran?

Ja, ich kenne da kein Pardon. Denn in einer gerade mal befruchteten Eizelle kann ich mit bestem Willen kein Kind sehen. Wenn eine Frau reif genug ist, dann ist es ein grosses Glück, Mutter zu werden. Gerade deshalb sollte jedes Mädchen die Chance haben, zuerst zu dieser Frau werden zu dürfen. Deshalb: Helfen Sie Ihrer Tochter, wenn sie in diese Situation kommen sollte. Kastrieren Sie nicht ihre Entwicklung, indem Sie Ihre grossmütterliche Hilfe bei der Kindsbetreuung anbieten. Diese Hilfe ist wertvoll, darf jedoch nicht zum Entscheid führen, eine Schwangerschaft auszutragen.

Wunschdenken

von: Andrea Strahm am: Donnerstag, 08.09.2011

Mit Teenager und Kleinkindern gemeinsam Ferien verbringen zu wollen, ist ein Unterfangen, das zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Zu unterschiedlich sind die Tagesabläufe.

Harmonische Ferien? Schön wär's.

Kennen Sie das: Nach unglaublich langer Zeit macht Ihnen jemand einen Vorwurf, und Sie staunen Bauklötze, weil Sie das vollkommen anders gesehen hatten. So erging es mir kürzlich: Ich hätte, so erklärte der Vater meiner Kinder, nie mit seiner älteren Tochter in die Ferien gehen wollen. Da fiel ich gerade mal kurz aus allen Wolken, denn meiner Erinnerung nach hatte sie das nie gewollt. Es kristallisierte sich dann nach und nach heraus, worum es ging: Er hatte sie einmal mit nach Italien nehmen wollen, als seine Nachfolgetöchter schon auf der Welt waren, und ich hatte tatsächlich gestreikt, EINMAL. Denn ich hatte ein glasklares Vorstellungsvermögen dessen, was mich erwartet hätte, was dem Vater dieser drei Prachtsfrauen, die sie heute sind, völlig abgeht. Wirklich VÖLLIG, und das ist untertrieben.

Es ging damals nämlich darum, eine 18-Jährige, eine Fünf- und eine Zweijährige ferientechnisch unter einen Hut zu bringen. Vielleicht war das Trio auch etwas jünger oder älter, genau erinnere ich mich nicht. Aber sehr wohl an meine Gedankengänge: Dass nämlich Nummer eins umso munterer wurde je später der Abend, und ungefähr dann ins Bett ging, wenn Nummer zwei und drei anfingen, auf dem Bett Trampolin zu springen, putzmunter. Ich hatte absolut keine Lust, eine attraktive, langhaarige, junge Blondine, die kaum italienisch spricht, ins italienische Diskoleben einzuführen und nach meiner Rückkehr ohne eine Mütze Schlaf ausgeschlafene Kinder irgendwie ruhig zu stellen, damit Nummer eins hätte schlafen können.  Denn – auch das war klar – Nummer eins hätte auf dem Sofa im Wohn-/Esszimmer schlafen müssen. Wo wir eigentlich frühstückten, und dies, zu jener Zeit, spätestens um sieben Uhr. Probleme waren vorprogrammiert, und ich war so egoistisch, Ferien machen zu wollen.

Tatsache ist: Der Schlafrhythmus des Nachwuchses fordert Eltern, und dies nicht nur in der Babyphase. Lange Jahre sind sie sehr früh wach, und am muntersten dann, wenn am Vorabend der Babysitter da und  man selber an einer Party war. Irgendwann sitzt man dann plötzlich alleine am Frühstückstisch und die Jugend kreuzt frühestens mittags auf und wärmt sich im Pyjama die Pizzareste vom Vorabend – und wehe, man spricht sie an. Denn wach werden sie nur, weil sie Hunger haben. Dies soll wieder ändern, habe ich gerüchteweise erfahren. Wenn ich Grossmutter werde, dann garantiert.

Wenn ich es mir so überlege, war ich eigentlich etwas phantasielos, als ich damals streikte. Ich hätte nämlich den Vater dieser Kinder mit den beiden jüngeren in das eine Schlafzimmer verfrachten und das andere mit der Grossen teilen können. Dann hätte ich mit ihr abends um die Ecken ziehen und abfeiern können, und dann tüchtig ausschlafen. Wir hätten garantiert eine Menge Spass gehabt, die Grosse und ich. Der Papi hätte die Kleinen aufgenommen und wäre leise mit ihnen an den Strand geschlichen um Sandburgen zu bauen.  Aber irgendetwas sagt mir auch heute noch, dass dieser Plan nicht aufgegangen wäre…

Sommerpause: Die besten Blog-Beiträge reloaded

Ferienplanung

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 20.07.2011
Tags: ActionFerienLauneLustPlanungReiseRuheTeenagerZiel

Wandern? Ruhe? Kein Handy-Empfang? Von «gelungenen Ferien» haben Teenager und ihre Eltern jeweils sehr verschiedene Vorstellungen.

Byebye, Familienurlaub!

Ein guter Kollege bat mich kürzlich, ob ich nicht «bei uns hinten», was heisst: hinten im Verzascatal, für ihn eine Ferienwohnung suchen könne. Er wandere so gerne. Okay, das verstehe ich, und ich bin ja nirgendwo lieber als in der Tessiner Bergwelt. Bloss: Seine Frau stammt aus Südamerika, und er hat drei Kinder zwischen 14 und 20 Jahren, zwei Mädchen und einen Jungen. Mir schleichen sich da also gewisse Zweifel ein. Ich habe ja auch zwei Töchter entsprechenden Alters, und mit den Eltern wandern, das siedeln sie in der Nähe von Zwangsarbeit oder Galeerenhaft an. Wenn sich die Tätigkeit allerdings «Hike» nennt und sie Teil einer Horde wilder Pfadfinder sind, dann marschieren sie tagelang. Sie sind gerne im Verzascatal, meistens für eine Schlafkur, und auch für Ausflüge zu haben. Vor allem nach Canobbio oder Luino, wenn dort Markt ist. Aber abgesehen von kurzen Spaziergängen geht heute nichts mehr, jedenfalls nicht mit uns Oldies.

Die Töchter meines Kollegen sind jünger als meine, trugen jedoch bereits Pumps, als meine noch dachten, dies sei eine Erfindung für ältere Damen wie beispielsweise mich. Sie sind immer tadellos gestylt, wie ihre Mami auch. Und diese liebt die Wärme und die Sonne. Stelle ich sie mir in den Ferien vor, dann irgendwo am Strand. Wenn in der Schweiz, dann in Ascona. Aber sicher nicht in einem Bergdorf, wo nichts, aber auch gar nichts los ist, und auch der Handy-Empfang jede Lust aufs Iphone zum Erlahmen bringt.

Mit kleinen Kindern kann man sich entweder in einen Club absetzen, in dem man nichts mehr zu tun hat, die Kinder kaum zu Gesicht kriegt, aber sich entspannt. Oder man macht Abenteuerferien und reist, (nicht zu) kleine Kinder sind begeisterungsfähig, und gemeinsame Erlebnisse stärken die Familie. Aber rein gar nichts ist ferientechnisch schlimmer als nöhlende, gelangweilte Teenager oder Dauerdiskussionen, weil jeder etwas anderes machen möchte.

Was also tun, wenn man gerne noch Ferien mit seinen Halbwüchsigen verbringen möchte? Damit es erspriesslich wird, müssen sie mitreden dürfen. Keiner wird gerne ferientechnisch vergewaltigt oder in die Pampa verdammt. Alles hat natürlich seine Grenzen, denn unsere ältere Tochter wollte einst unbedingt auf die Malediven, und das lag nicht im Budget. Dieses Jahr gibt es keine gemeinsamen Ferien, und für 2012 ist eine USA-Reise geplant, denn dann sollte auch die Jüngste die Schule geschafft haben, und das ist ein Grund zum Feiern. Ob sie danach noch mit uns verreisen, steht in den Sternen.

Man sollte also reden miteinander. Und so gab ich meinem Kollegen zwar drei Adressen an, erwähnte aber auch, dass er vielleicht doch auch die Ebene ins Auge fassen sollte, mit See und Sonne und Action pur, und keinen hohen Bergen links und rechts. Unsere ältere Tochter findet das Valle übrigens gar nicht mehr so abgelegen, seit sie die Fahrprüfung bestanden hat und somit rasch irgendwo ist – und für ihre Ferien selber aufkommen muss.

Die Vertrauensfalle

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 25.05.2011

Vertrauen ist gut, Grenzen setzen besser.

Es fehlt nicht an Vertrauen. Das Kind braucht Schutz und Begleitung.

Als ich mit meiner noch nicht ganz flüggen Tochter kürzlich Sträusse hatte, weil sie um Mitternacht das letzte Tram zu nehmen hat, wenn sie abends unterwegs ist, warf sie mir vor, ich hätte kein Vertrauen in sie. Vertrauen wäre, so ihre Logik, dass wir sie bis ins Morgengrauen rumschwirren lassen. Das tun wir nicht. Dauert eine Party länger, dann darf sie bleiben, wird aber abgeholt.

Ich wurde hellhörig. Das mit dem Vertrauen hatte ich doch auch schon gehört, und zwar von andern Eltern. Ihr Sohn oder ihre Tochter dürften schon dieses oder jenes, bekundeten diese, denn sie hätten volles Vertrauen in ihre Kinder. Das waren regelmässig Dinge, die wir noch nicht gestatteten oder gestattet hätten. Vertrauen tönt natürlich super. Die Kehrseite: Wer seinem Kind besagte Dinge nicht gestattet, der ist dann logischerweise misstrauisch. Wer dem andern nicht vertraut, der hält ihn für unehrlich, unzuverlässig, und das ist happig. Vor allem für das Kind, das ein Verbot so interpretiert.

Bei Lichte besehen ist die Aussage, man vertraue seinem Kind nichts anderes als eine unglaublich patente Ausrede dafür, dass es einem stinkt, dem Kind die Grenzen zu setzen, die es noch braucht. Denn Grenzen zu setzen, ist anstrengend

Mit dem Vertrauen zu argumentieren ist zudem perfide. Es ist unglaublich edel, jemandem zu sagen, man vertraue ihm. Man übergibt so die Verantwortung. Geht etwas schief, hat das Kind das Vertrauen missbraucht, und die Eltern sind «enttäuscht». Dabei haben sie, und nur sie, versagt.

Tatsächlich habe ich alles Vertrauen dieser Welt in meine Töchter. Ich kann mich auf sie verlassen, sie halten sich an die Abmachungen, hintergehen mich wohl nicht. Aber einen Freipass gibt es deswegen noch lange nicht, denn die jüngere ist für manche Unternehmungen einfach gerade noch ein wenig zu arglos, braucht noch einen gewissen Schutz. Dies trifft auf die meisten Jugendlichen dieses Alters zu. Es ist mir unverständlich, wie man 15-Jährige bis in die frühen Morgenstunden in den Ausgang lassen kann. Knapp bekleidet, angetrunken bis sternhagelvoll. Die kommen ja irgendwann nach Hause, und dann müsste man den Zustand eigentlich erkennen. Wenn man denn nicht vertrauensvoll und tief schläft. Dass sich 16-Jährige in der Schweiz prostituieren dürfen, sprengt mein Vorstellungsvermögen vollends. Da versagen nicht nur die Eltern, sondern die ganze Gesellschaft.

Aber eben, Vertrauen. Ist es denn Misstrauen dem Baby gegenüber, wenn ich es nicht auf der Wickelkommode alleine liegen lasse? Habe ich in einen Dreijährigen kein Vertrauen, wenn ich ihn nicht alleine auf der Strasse spielen lasse? Misstraue ich meiner Zwölfjährigen, wenn ich sie nicht ein Bier trinken lasse?

Es ist nicht das Vertrauen, das fehlt. Es fehlt dem Kind noch die nötige Reife, es braucht noch Schutz und Begleitung. Wie viel ist manchmal nicht einfach zu beantworten. Spätestens wenn Jugendliche Abmachungen nicht einhalten oder über die Stränge schlagen, sind sie von der Freiheit überfordert und brauchen engere Grenzen. Das bedingt allerdings, dass die Eltern da sind und kontrollieren.

Man gleitet fliessend in die Vertrauensfalle, so wie die Kinder fliessend zu Jugendlichen und schliesslich Erwachsenen werden. Ich habe also mit unserer Tochter Klartext geredet und ihr erklärt, dass ich ihr durchaus vertraue, ihr aber manche Dinge noch nicht zumuten will. Das hat sie akzeptiert. Ich habe den ganz, ganz leisen Verdacht, dass es ihr wohl ist bei dieser Regelung. Denn manchmal muss man den Nachwuchs auch vor dem Gruppendruck schützen, und die Erklärung, dass man nicht länger mitfeiern darf, ist sehr viel salonfähiger als diejenige, dass man nicht will. Lieber böse Eltern haben als ein Spielverderber sein. Tappen wir also nicht in die Vertrauensfalle! Oder sind Sie etwa schon drin?

Kika klärt auf

von: Monique Brunner am: Donnerstag, 12.05.2011

Lektionen fürs Leben: Der Kinderkanal KI.KA nimmt sich dem Thema «Schwanz» an ­– einmal für kleine und einmal für grosse Jungs.

Eine Episode der britisch-amerikanischen Zeichentricksendung «Mama Mirabelles Tierkino» ist ein Youtube-Hit. Darin stellen Tiere die Frage: «Wer hat den coolsten Schwanz» und die Elefantendame Mama Mirabelle erklärt ganz unverfänglich, welche Vor- und Nachteile die jeweiligen Schwänze haben. Jedoch: «Jeder Schwanz ist auf seine eigene Weise hervorragend.» 

Wie so vieles im Leben hängt alles von der Leseart ab oder wie der Franzose sagen würde: «Honni soit qui mal y pense». Wenn der Gepard seinen Schwanz als windschlüpfrig bezeichnet und den kleinen Elefanten später auffordert: «Zeig uns mal, was dein Schwanz so drauf hat» fällt es wohl den meisten Erwachsenen schwer, an einen Tierschwanz zu denken... Aber die Episode ist auch nicht für Erwachsene gedacht, wie die Pressesprecherin Gabriele Noll gegenüber tz-online.de klarstellte: «Die (Vorschulkinder) denken sich doch nichts Böses dabei, wenn das Wort <Schwanz> fällt. Daran ist doch nichts Anstössiges! Ich bin entsetzt!»

Was denken Sie? Hier ein Best of der Episode (Dauer ca. 5:22 Minuten):

 

Deutung hin oder her; alles andere als zweideutig ist ein anderer Beitrag zum Thema Schwanz respektive Penis, der kürzlich auf dem Kinderkanal KI.KA ausgestrahlt wurde. Die Jugendsendung «Du bist kein Werwolf» gab praktische Tipps, wie Teenager eine (ungewollte) Erektion verbergen können (siehe Youtube-Filmchen).

Der Turbo zur Selbständigkeit

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 29.09.2010

Sie gehen als Kinder und kehren als Erwachsene zurück. Das Austauschjahr ist eine Reifeprüfung. Vor allem für die Eltern.

«Welt, ich komme!»: Ein Austauschjahr prägt jeden Teenager.

Ich sage es gleich: Ich war dagegen. Einerseits bin ich natürlich eine Riesenegoistin, denn ich will meine Kinder nicht rascher loswerden als nötig. Eine meiner Töchter bereits mit sechzehn Jahren ein Jahr lang hergeben zu müssen, hätte mir unglaublich schlechte Laune bereitet. Das wollte ich der andern, dem Vater der beiden und mir ersparen. Ein Auslandaufenthalt ja, unbedingt, aber während des Studiums. Zum Glück fanden das meine Lieben auch.

Andererseits: Diese meine reine Bauchmeinung muss ich schon auch mit Fakten begründen. Man muss schliesslich das Gesicht wahren, denn wer ist schon gerne überbehütend. Also beobachte ich, was sich in anderen Familien diesbezüglich tut, denn rund um uns herum war und ist das Austauschjahr ein Thema.

Alle ausgetauschten Jugendlichen in unserem Umfeld sind Mädchen. Jungs scheint man weniger herzugeben, oder sie wollen nicht. Unter diesen Mädchen gibt es solche, die Pech hatten und ziemlich schnell wieder zu Hause waren, solche, die es nicht so gut hatten, das Jahr aber durchstanden, und solche, wohl die meisten, die das Jahr glücklich zu Ende brachten. Wirklich geschadet scheint das Austauschjahr keinem der Mädchen zu haben, für die meisten war es eine interessante Erfahrung. Einige sind rasch wieder bei den Leuten und ihr Vorsprung bezüglich der Sprache und die Erinnerung an die neue Welt nehmen wieder ab. Andere wiederum scheinen zwischen den Welten zu pendeln und manche möchten schnellstmöglich wieder in die Ferne. Vor allem, wenn sie sich während dem Austauschjahr das erste Mal verliebt haben. Kurzum, es gibt alle möglichen Konstellationen.

Wirklich bei allen gleich ist eigentlich nur eines: sie gehen als Kinder und kommen als Erwachsene zurück. Erstaunlich ist das nicht, denn eine 16-Jährige kommt anderen Leuten sehr viel erwachsener vor, als den eigenen Eltern. Als ich, beispielsweise, erstmals hörte, wie ein Lehrer meine Jüngste siezte, riss ich Augen und Ohren auf. Dieses Kind und «Sie»? Dabei war unser einstiger Babysitter auch nicht älter und in meinen Augen sozusagen erwachsen gewesen.

Den eingetauschten Kindern, die da aus aller Herren Länder kommen, geht es gleich: Die verlassenen Eltern begegnen ihnen völlig anders, als den eigenen, so eben verreisten. Den fremden Jugendlichen wird viel mehr zugetraut und zugemutet, und dies, obwohl sie ja unsere Kultur und Sprache wenig kennen. Beispielsweise getraut sich kaum jemand, den Gästen vorzuschreiben, wie oft sie Ausgang haben und wann sie heimkommen müssen. Die Gastkinder müssen sich durchs Band viel mehr selber durchschlagen als die eigenen Kinder, und dies in einem fremden Umfeld. Den Schweizer Kindern geht es in der Fremde natürlich gleich. Dies macht sie alle im Turbogang selbstständiger und erwachsener.

Diese Erwachsenen, die dann nach einem Jahr zurückkommen, sind ihren Eltern zuerst ziemlich fremd. Die Eltern reagieren eher unsicher, fassen die Jugendlichen mit Samthandschuhen an und schreiben ihnen nichts mehr vor – was die sich auch nicht mehr gefallen liessen. Ein neuer Alltag kehrt ein, wie früher ist es nicht mehr. Alle ausgetauschten Jugendlichen in unserer Umgebung zogen früher von Zuhause aus, als die daheim gebliebenen. Zufall?

Was ist gut, was nicht? Tatsache ist, dass die Eltern eines Austauschkindes einen Teil der Entwicklung nicht mitmachen, nämlich den Schritt vom Kind zum Erwachsenen. Ich hingegen wollte die Entwicklung meiner Töchter bewusst erleben. Das ist nicht unbedingt einfacher, denn man muss sich in dieser Zeit ständig hinterfragen. So oder so, wir Eltern müssen uns überflüssig machen. Irgendwann jedenfalls, denn noch sage ich, darf ich sagen, wie oft und bis wann die Jüngste Ausgang hat. Bei ihrer älteren Schwester ist das vorbei. Und zwar ohne dass sie mir oder ich ihr je fremd geworden wäre, und darüber bin ich froh. Bin ich nun egoistisch? Was meinen Sie?

Peinlich, Peinlich!

von: Andrea Strahm am: Mittwoch, 08.09.2010
Tags: MütterPubertätTeenager

Lange sind Mütter für den Nachwuchs unentbehrlich. Und dann sind sie plötzlich nur noch peinlich.

Achtung, ich hab Pubertät!

Der Vorteil älter werdender Kinder liegt darin, dass man sich laufend besser daran erinnert, wie es war, als man selber in besagtem Alter war. Ich weiss nur noch zu gut, wie fürchterlich peinlich mir und meinem Bruder, damals beide in der Pubertät, meine Mutter in ihrem neuen Pelzmantel war. Sie versank darin hoffnungslos und wir fanden das Scheusal derart schlimm, dass Brüderchen sich sogar weigerte, neben ihr zu gehen. Und ich wäre beinahe gestorben, als sie in der Metzgerei einmal die Warteschlange nicht beachtete und laut ihre Wünsche heraus posaunte – zu laut, wie ich fand. Wir machten damals keinen Hehl daraus, wie peinlich wir etwas fanden, und als meine geplagte Mutter uns irgendwann überhaupt nicht mehr peinlich war, führten wir das selbstherrlich auf unsere erzieherischen Fähigkeiten zurück.

Heute bin ich peinlicher, als es meine Mutter je war. Keine Ahnung, wann aus den süssen, «Mami i ha di lieb» auf Zettelchen schreibenden Wesen Augen rollende Zombies wurden. Und, im Falle meiner älteren Tochter, plötzlich wieder eine verständnisvolle, hilfsbereite junge Frau. Gerade eben zeichnet sich die zweite Metamorphose zum Glück auch bei meiner jüngeren Tochter ab. Dazwischen liegt ein Wechsel meiner Haarfarbe von dunkelbraun (echt) auf blond (Chemie) und schliesslich grau (wieder echt).

Den Zombie sieht man meiner jüngeren Tochter nicht an, in der Regel ist sie fröhlich und aufgestellt. Komme aber ich in die Nähe, bilden sich unwirsche Falten zwischen ihren schönen Augen. Je mehr ich mir Mühe gebe, desto peinlicher werde ich. Dabei erwähne ich das Reizwort «Schule» mit keinem Wort und auch so oberspiessige Dinge wie «wäre nett, du würdest mal dein Zimmer aufräumen» sage ich nicht. Aber schon die Frage, wie es ihr so ergangen sei, ist ein Spiessrutenlauf. Entweder kommt ein oberhöfliches «Danke gut, und Dir?», wobei der zweite Satzteil rein rhetorisch gemeint ist. Meistens aber kommt nichts, denn sie hat eh Stöpsel in den Ohren und verschwindet wortlos in ihrem Zimmer, Türe zu und (vermutlich) Laptop an.

Wenn ich wissen will, wie es ihr geht, muss ich ihre Schwester fragen. Die zwei stecken allerdings unter einer Decke, und ich erfahre nur Dinge, die ich aus Sicht der Älteren unbedingt wissen muss, etwa «hack jetzt nicht wieder wegen der Schule auf ihr rum, es geht ihr echt mies mit diesem Lehrer». Dabei hacke ich mitnichten.  Kürzlich hat sie erzählt, ein Lehrer habe eine dumme Bemerkung gemacht, als sie die Treppe des Eingangbereiches der Schule geschrubbt habe. Nun fragt man sich halt, weshalb denn eine Gymnasiastin in der Schule Treppen schrubben muss, und auch ich erlaubte mir da eine vorsichtig und diplomatisch formulierte vage Bemerkung in der Richtung. Ist ja klar, dass das bloss wieder eine dieser bodenlosen Ungerechtigkeiten war, denen man als Schülerin dieser Schule ununterbrochen ausgesetzt ist, und überhaupt äussere sie sich dazu nicht, das sei ihre Sache.

Kurzum, ich sitze auf einem Vulkan. Ich und die Lehrer  – die Last ihres Lebens. Sehr zu bedrücken scheinen wir sie allerdings nicht, denn, wie erwähnt, meistens ist sie durchaus fröhlich. Und langsam, langsam scheint endlich auch die Zombiephase zu verblassen.  Als sie jedenfalls kürzlich wieder einmal voll verstöpselt wortlos mit wippender Lockenpracht in ihr Zimmer entschwand und ich ihr etwas sagen wollte, versuchte ich es mit Facebook. Tatsächlich, sie war drin, und ich tippte meine Frage in den Chat. Die Antwort kam postwendend: «MAMIIII DU SITZISCH IM GLICHE HUS UND CHÄTTISCH!!» Meine Antwort: «Sprichst ja nicht mit mir, wie also soll ich’s sonst machen?» Da kam dann ein elektronisches Grinsen und sie tauchte aus der Versenkung hervor, Laptop unterm Arm, entgegenkommenderweise nur ein Ohr verstöpselt. Wir hatten einen lustigen Abend und ich erfuhr zu meiner Erleichterung, dass es nicht mehr so arg ist mit den Lehrern. Wahrscheinlich hat deren Erziehung durch die Schüler Früchte getragen. 

Gelassenheit und eine gute Prise Humor, ohne geht es nicht. Schwierig ist nur, dass man immer noch ein wenig erziehen sollte und wer akzeptiert schon Kritik von einer derart peinlichen Person wie mir? Dabei trage ich noch nicht einmal Pelzmäntel.

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